Olympia und Inklusion. Eine Mogelpackung und die Ausgangslage – der Schattenbericht

Olympia und Inklusion. Eine Mogelpackung und die Ausgangslage – der Schattenbericht

Hamburg will sich für Olympische und Paralympische Spiele bewerben und verspricht mit Blick auf Inklusion, dass es dann neue Impulse gäbe. Dabei ist Inklusion Menschenrecht. Auf FAIRspielen.de kritisiert Prof. Dr. Siegfried Saerberg in einem Gastkommentar die Herangehensweise des rot-grünen Senats in Sachen Inklusion. Saerberg war zuletzt Professor für Disability Studies und Teilhabeforschung an der ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg (Rauhes Haus). Er war  – unter Beteiligung zahlreicher Betroffener – wissenschaftlicher Leiter des Schattenberichts, der eine aktuelle und kritische Analyse der Behindertenrechtslage in Hamburg und des Landesaktionsplans der Stadt zur Umsetzung der UN-BRK. Was Hamburg und Deutschland umsetzen müsste – auch ohne Olympia und Paralympics, zeigt er in seinem Beitrag beispielhaft auf. Zurzeit ist Saerberg Senior Fellow an der Universität Münster.

Wichtiger Veranstaltungshinweis für Hamburg: 22. Mai 2026 – Olympia: Inklusion oder Mogelpackung? Save the Date

Weitere Hinweise zum folgenden Kommentar und Hintergrund:

Gastkommentar Prof. Dr. Siegfried Saerberg:

„Eine seltsame Mär geht von Mund zu Mund in der Freien und Hansestadt Hamburg und tut Kund: Die Olympischen Spiele wären ein Glücksfall für die Inklusion. Olympia würde nämlich barrierefreie Sportstätten finanzieren, die andernfalls unrealisierbar blieben. Aber halt: Barrierefrei? Hier irrt der/die Leser*in, denn Hamburg spricht nicht von Barrierefreiheit. Man möchte vielmehr die „barriereärmste Metropole“ der Welt werden. Welch ambitionierte Zielsetzung!

Anders als Barrierefreiheit ist Barrierearmut kein Begriff aus der Behindertenbewegung. Die Rede von Barrierearmut versucht, eigenste Begriffe der Behindertenbewegung umzuformen und im Kern zu verfälschen, um der Öffentlichkeit zu suggerieren, die Ziele von behinderten Menschen umsetzen zu wollen. Dies ist aber ein Betrug an behinderten Wählerinnen. Diese Rede ist auch extrem manipulativ, da sie verschleiert und moralischen Druck ausübt. Sie ist eine Appropriation unseres Erbes aus 75 Jahren Kampf für Behindertenrechte.

Wir wollen nicht Armut umsetzen helfen, sondern Reichtum, Reichtum an Möglichkeiten, Reichtum an Mitsprache und Reichtum an Verwirklichung. Die Nutzung aller produktiven Ressourcen für die Menschen ist unser gesellschaftliches Ziel, nicht die Beschneidung und Bescheidung von Möglichkeiten mit fadenscheinigen Taschenspielertricks und fälschlichen Wortummünzungen.

Will Hamburg mit seinem unseligen Slogan tatsächlich zum ärmsten Ritter an der illustren Tafelrunde der Metropolen werden, die sich die Verwirklichung der Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben haben? Das täte uns leid und wir möchten unsere Stadt vor diesem peinlichen Mummenschanz bewahren. Es geht um Zugangsreichtum, nicht Barierearmut!

Die Behauptung, Olympia bringe automatisch mehr Inklusion, hält einer kritischen Prüfung nicht stand. Inklusion ist ein Menschenrecht – kein Nebenprodukt eines Mega-Events. Wenn Städte erst dann anfangen, über Barrierefreiheit nachzudenken, wenn sie sich international präsentieren wollen, zeigt das vor allem eines: dass Inklusion zuvor keine Priorität hatte. Wer also für Olympia ist, um Inklusion zu fördern, argumentiert auf einem fragwürdigen Fundament.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: die Trennung zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen. Zwei Veranstaltungen, zwei Öffentlichkeiten, zwei Systeme. Das ist keine Inklusion, sondern organisierte Ausgrenzung. Diese Logik setzt sich im Alltag fort: getrennte Angebote, getrennte Trainings, getrennte Wahrnehmung.

Ein Blick in den Breitensport bestätigt das. Die Realität ist weit entfernt von echter Teilhabe. Viele Sportstätten sind nicht barrierefrei.

Der Schattenbericht Hamburg, der den Landesaktionsplan der Stadt kritisch evaluiert hat, fordert, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt an Sport teilnehmen können. Grundlage ist Artikel 30 der UN-BRK: Menschen mit Behinderungen haben Anspruch auf Zugang zu Sportstätten, Sportangeboten, Training, Anleitung, Ressourcen und Assistenz.

Zentrale Kritikpunkte sind:

  • Viele Sportstätten, Sportveranstaltungen und Schwimmbäder sind nicht oder nur unzureichend barrierefrei, sodass oft kilometerweite und stundenlange Anfahrten in einem oft barrierevollen Nahverkehr nötig sind.
  • Selbstvertretungsorganisationen, behinderte Sportlerinnen, Trainerinnen und Expert*innen werden zu wenig einbezogen.
  • Es gibt zu wenige inklusive Sportangebote außerhalb von Behindertenhilfe-Strukturen.

Besonders ausführlich behandelt der Schattenbericht Schwimmbäder. Rollstuhlnutzer*innen berichten, dass Schwimmen oft wegen fehlender Assistenz, enger Umkleiden, fehlender Liegen, fehlender Duschrollstühle, nicht nutzbarer Toiletten, defekter oder fremdbedienter Lifter und fehlender Rampen kaum möglich ist. Gefordert werden große Umkleiden, höhenverstellbare Liegen, mobile Lifter, Nasszellenrollstühle, sichere Abstell- und Lademöglichkeiten für Rollstühle, elektrische Türöffner, barrierefreie Toiletten und professionelle Schwimmbegleitung. Rampen mit Handlauf ins Becken werden besonders hervorgehoben, da sie das Befahren von Schwimmbecken selbständig und diskret ermöglichen. Die reparaturanfälligen Lifter werden oft zu einem öffentlichen Spektakel, das behinderte Nutzer*innen ausstellt, und erfordern zu viel unnötigen Aufwand.

Zum Breitensport fordert der Schattenbericht ein wirklich inklusives Angebot statt separater Angebote nur für behinderte Menschen. Genannt werden fehlende Angebote in Kampfsport und Selbstverteidigung, zu hohe Vereinsbeiträge, fehlende Assistenz im Vereinssport und mangelnde Unterstützung in Fitnessstudios. Trainer*innen sollen sensibilisiert und qualifiziert werden.

Außerdem werden Sport-Lotsinnen gefordert: Ein Pool aus Expertinnen, Peer-Beraterinnen, behinderten Übungsleiterinnen und Trainer*innen soll Menschen mit Behinderungen beraten, passende Sportarten vermitteln und bei gesundheitlichen Besonderheiten kompetent begleiten.

Für Sportveranstaltungen fordert der Schattenbericht flexible barrierefreie Plätze statt isolierter Sonderplätze, damit Menschen mit Behinderungen mit Familie oder Freund*innen zusammensitzen können. Außerdem sollen Audiodeskription, DGS-Dolmetschung, Untertitel, Assistenz und barrierefreie Infrastruktur gesichert werden.

Es ist also deutlich geworden, dass sportliche Inklusion weit mehr ist als ein Mega-Event mit ein paar „barrierearmen“ Angeboten und Gebäuden. Es ist im Gegenteil eine ganz alltägliche Veränderung von Strukturen, Verhaltensweisen, Kooperationsweisen und Wissen.

Auch geht es nicht um Aufmerksamkeit für eine Handvoll behinderter olympischer Held*innen: Wir brauchen keine schillernde Spitzensportförderung, sondern Serviceangebote in der grauen Breite alltäglicher Körperbewegung. Beides hat nichts miteinander zu tun. Ersteres lenkt nur Aufmerksamkeit und Ressourcen von letzterem ab.“

dirkseifert

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