Statt Olympia: Lösung sozialer Probleme wie Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit – ein Statement

Olympia: Gefahr für MieterInnen und wohnungslose Menschen. Steigende Mieten, Vertreibung aus der Innenstadt, Verlagerung der finanziellen und planerischen Kapazitäten der Stadt auf Olympia statt Konzentration auf die Lösung sozialer Probleme wie Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit. Das droht bei der Veranstaltung olympischer Spiele in der kleinen Großstadt Hamburg, meint Stephan Nagel, Experte für das Thema Wohnungslosigkeit.
„In Hamburg sind nach der Statistik des Bundes rund 38.000 Menschen wohnungslos – davon leben knapp 4.000 ohne jede Unterkunft auf der Straße. Unter allen Städten in Deutschland hat Hamburg damit bezogen auf die Einwohnerzahl die meisten wohnungslosen Menschen. Knapp 2 Prozent der Bevölkerung sind ohne Wohnung, so viel wie 1950 wenige Jahre nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.
Bis 2030 soll die Wohnungslosigkeit überwunden werden, so haben es EU-Parlament, Bundesregierung und der Hamburger Senat vor Jahren beschlossen. Aber wie es aussieht, nähert sich die Stadt diesem Ziel nicht an, sondern entfernt sich eher von ihm. Wohnungsmangel und steigende Mieten sind die hervorstechenden Auswirkungen der allgemeinen Wohnungsnot, die bis weit in die Mittelschicht schmerzhaft spürbar sind. Angesichts der drückenden Wohnungsnot und anderer Probleme in der Stadt ist es unverantwortlich, sich auf olympische und paralympische Spiele zu bewerben.
Olympische Spiele sind, was die Zahl der Teilnehmenden, der BesucherInnen, der MedienvertreterInnen und der Sportstätten betrifft, riesengroße Veranstaltungen – und im Vergleich zu den meisten Olympiastädten der vergangenen Jahrzehnte ist Hamburg eine eher kleine Stadt. Belastungen und problematische Auswirkungen von Olympiavorbereitungen wirken sich in einer kleinen Großstadt wie Hamburg sehr viel stärker aus, als in großen Metropolen. Und hinzu kommt: Hamburg hat offensichtlich nicht die Strukturen, um bauliche Großprojekte pünktlich und im Rahmen der Kostenplanungen zu meistern. Olympische Spiele können nicht nach hinten geschoben werden wie sonst Bauprojekte, die in Schwierigkeiten geraten.
Das heißt, Olympiaprojekte müssen, koste es was es wolle, auf Termin fertig gestellt werden: ein Einfallstor für dramatische Kostensteigerungen und vielleicht noch schlimmer, ein Einfallstor dafür, dass die hamburgischen Planungs- und Verwaltungsstrukturen über Jahre hinaus vollständig von Olympia in Anspruch genommen werden. Viele andere Aufgaben, wie die Bekämpfung von Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit, werden gänzlich ins Hintertreffen geraten.
In Vorbereitung der letzten Bürgerschaftswahl hat der Hamburger Senat die Vertreibung von bettelnden und wohnungslosen Menschen aus der Innenstadt verstärkt, und sich dabei medienwirksam als Law-and-Order-Senat inszeniert. Es steht zu befürchten, dass bei einer erfolgreichen Olympiabewerbung Hamburgs die Vertreibungspolitik noch einmal verschärft wird.
Eine Entscheidung für Olympia in Hamburg würde nach den vorliegenden Erfahrungen nicht nur die Mieten weiter anheizen, sondern über Jahre erhebliche finanzielle Mittel, Planungsressourcen und politische Aufmerksamkeit für ein vierwöchiges Fest binden, die Bekämpfung der Wohnungslosigkeit, der Mietensteigerungen und dringende andere Aufgaben würden liegen bleiben. Olympia als globales Mega-Event überfordert die kleine Großstadt Hamburg.
Bereits vor 10 Jahren hat eine knappe Mehrheit der HamburgerInnen eine Olympiabewerbung abgelehnt und dem Senat den Weg zu einer solideren Stadtpolitik gewiesen.
Auch beim Bürgerschaftsreferendum im Mai gilt: Hamburg und insbesondere seine Bürger*innen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit haben was Besseres verdient als Olympia.“
* Stephan Nagel, langjährig in verschiedenen Funktionen und Regionen in den Wohnungsnotfallhilfen tätig, bis 2024 Referent für Wohnungsnotfallhilfen der Diakonie in Hamburg – www.stephannagel.de





