So, jetzt ist die Katze aus dem Sack. Zumindest Teile einer möglichen Olympia-Bewerbung Hamburgs durfte die interessierte Öffentlichkeit heute auf der Pressekonferenz des Senats sehen. Wir haben schöne Bilder von Stadien bestaunt, wurden über Klappbrücken und andere flexible Bauten informiert und haben den Kleinen Grasbrook als „neuen Stadtteil im Herzen unserer Stadt“ kennengelernt. Das muss nun alles in Ruhe gesichtet und analysiert werden. Die Mopo hat praktischer Weise eine Webmap erstellt, die die verschiedenen Austragungsorte in Hamburg dokumentiert.
Würde man eine Tagcloud zu dem vom Senat vorgestellten Konzept generieren, wären wohl die am häufigsten genannten Worte: „kompakt“, „innerstädtisch“ und „demokratisch“. „Die kompaktesten Spiele mit den kürzesten Wegen“, so ließe sich das Hamburgs Olympia-Konzept im O-Ton von Olaf Scholz zusammenfassen. In einem Radius von 10 Kilometern rund um den Kleinen Grasbrook soll sich fast das komplette olympische Geschehen abspielen. Und genau darin, könnte auch eins der wesentlichen Probleme der Hamburger Bewerbung liegen: die Konzentration auf die Innenstadt. Denn genau auf dieser Innenstadt lastet bereits jetzt der größte Verwertungs-, Gentrifizierungs- sowie Tourismusdruck. Ein weiteres Großevent für St. Pauli und Umgebung? Nicht erst der Bürgerentscheid gegen die Seilbahn hat gezeigt, dass viele Hamburgerinnen und Hamburger die Eventisierung und weitere Vermarktung ihrer Viertel äußerst kritisch sehen. Wem nutzt dieses Großevent wirklich und wer hat die Belastungen zu tragen? – diese Fragen werden nun genauestens zu prüfen sein.
Ein weiterer Schwachpunkt einer Konzentration auf Innenstadt & Hafen: die Emissionen. So lag in London vom Planungsstart bis zum Ende der Spiele der Ausstoß von C02 bei 3,4 Millionen Tonnen. Eine vergleichbare Menge würde für Hamburg viel dicke Luft bedeuten; Zumal der Unternehmensverband Hafen Hamburg schon jetzt angekündigt hat, dass die Hafenwirtschaft – im Falle eines Umzugs wegen Olympia – ihr angestammtes Recht auf Emissionen gerne mitnehmen würde. Dabei liegt die Hansestadt schon jetzt über den EU-Grenzwerten, vor allem rund um den emissionsintensiven Hafen. Aktuell liegt dazu eine Klage des BUNDs vor dem Hamburger Verwaltungsgericht, die im November entschieden werden wird.
Kompakte Spiele heißt auch kompakte Baustellen in der Innenstadt. Wer schon jetzt täglich auf der Stresemannstraße oder im Elbtunnel im Stau steht, der kann sich sicherlich denken, wie sich dies potenzieren würde, wenn sich all diese innenstadtnahen olympischen Großbaustellen über die Stadt ausbreiten. Weitgehend autofrei könnte der Kleine Grasbrook vielleicht werden, war eine sympathische Idee von Sportsenator Neumann. Dies ist zu begrüßen und vielleicht wird der eine oder die andere angesichts der anstehenden Baustellen gleich komplett aufs Fahrrad umsteigen, was nun wirklich mal nachhaltig wäre. Als bange Frage bleibt: Wie soll so eine kleine (Innen)Stadt, wie Hamburg sie hat, dieses Megaevent verkraften?
Kommen wir zum dritten meist genutzten Tag-Cloud-Wort des Tages: „demokratisch“. Die Olympischen Spiele müssten die Leistung einer demokratischen Bürgertradition sein, so wie ganz Hamburg bisher aus der Kraft der Kaufmanns- und Bürgergesellschaft entstanden sei, führte Olaf Scholz aus. Es sei eine besondere Sache, so Scholz weiter, dass „ein demokratischer Staat sich das zutraut, solche olympischen Spiele durchzuführen“. Zur Legitimation der Spiele muss ein Bürgerentscheid her, dieser soll bereits im Frühjahr 2015 initiiert werden. Wie die Abstimmung genau vonstatten gehen soll – das wird derzeit vom Senat und der Verwaltung noch geprüft. Bisher hat noch jede Stadt, in der die Bürger/innen vorab befragt wurden, ob sie Olympia ausrichten wollen, dagegen gestimmt. Aktuell sinkt beispielsweise die Zustimmung Oslos zu Olympischen Winterspielen 2022 dramatisch.
Hier in Hamburg stehen viele Menschen sicherlich noch am Anfang ihrer Entscheidungsfindung, ob sie Olympia in der Hansestadt befürworten oder ablehnen. Von offizieller Seite und den Befürwortenden einer Olympiabewerbung wird gern die Zahl von 73% Zustimmung zu Olympia in Hamburg zitiert. Und gleichzeitig gibt es den gleichen Prozentsatz von Hamburger/innen, der in Bezug auf die Kosten skeptisch ist. Was dieser Patt genau zu bedeuten hat für die Olympia-Begeisterung bzw. Ablehnung, ist unklar. Die Skepsis der Bürger/innen, u.a. von (N)Olympia Hamburg, solle aber ernst genommen werden, verspricht der Senat, denn Transparenz sei notwendig, um eine Mehrheit überzeugen zu können. In diesem Punkt „Transparenz“ gibt es eine große Übereinstimmung zwischen Befürworter/innen und Skeptiker/innen einer Olympia-Bewerbung.
Apropos Transparenz. Bezeichnend ist, was heute nicht oder kaum thematisiert wurde: die Kosten. Die sind noch völlig unklar und würden nun Schritt für Schritt konkretisiert werden. Lediglich eins stellte Scholz klar: „Es wird und darf keine neuen Schulden für die Olympischen Spiele gemacht werden“. Auffällig schwammig ist auch die Antwort auf die DOSB-Frage zur Finanzierung der Bewerbung Hamburgs, die immerhin auch schon 50 Millionen verschlingen würde. Von „Reservepositionen für unvorhergesehene Herausforderungen“ ist die Rede, sowie von „Vorleistungen des Senats“. Hellhörig werden wir beim folgenden Satz: „Die Handelskammer Hamburg hat gegenüber dem Hamburger Senat erklärt, dass auch für die jetzt anstehende internationale Bewerbungskampagne eine hälftige Beteiligung von Seiten der Wirtschaft angestrebt wird.“ Elbphilharmonie, ick hör dir trapsen, würde man in Berlin, äh, Hamburg sagen.
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Foto credit: Dunechaser via photopin cc
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