Inklusion ist kein Olympia-Bonus – Anmerkungen über Olympische Spiele und Paralympics

Inklusion ist kein Olympia-Bonus – Anmerkungen über Olympische Spiele und Paralympics

Olympische und Paralympische Spiele gehen heutzutage als getrenntes Doppel in die nationalen Wettbewerbe, um schließlich die Gunst und das Votum des Internationalen Olympischen Comittees IOC zu gewinnen. In Deutschland steht München nun als Olympische Beweberin auch für die Parylympics fest. Die Paralympischen Spiele werden als großes Versprechen für mehr Inklusion und Gleichheit ins Zentrum des sportpoltischen Marketings geschoben. Auch die schließlich im Referendum am Nein der Hamburger*innen gescheiterte Bewerberung für Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 war da keine Ausnahme. Auf einer Veranstaltung der Hamburer Linken in Wandsbek diskutierten Aktive und Betroffene Risiken und Nebenwirkungen Paralympischer Spiele unter dem Stichwort „Inklusion oder Mogelpackung“. Im „Newsletter Behindertenpolitik“ (09/2026)  berichtet Siegfried Saerberg, Referent bei der Verantsaltung und Professor in Sachen Disability Studies über die Diskussionen auf dieser Veranstaltung: Inklusion ist kein Olympia-Bonus, stellt er klar.

Inklusion ist kein Olympia-Bonus

Hamburg wird kein Olympia-Kandidat. Am 31. Mai 2026 lehnten 55,1 Prozent der Abstimmenden in einem Referendum das Vorhaben des regierenden Senats ab, sich offiziell für die Ausrichtung Olympischer Spiele in Hamburg zu bewerben – begründet auch mit Inklusionsverheißungen. Welche Lehren lassen sich aus der Hamburger NOlympia-Debatte über Barrierefreiheit, Leistung und Sportpolitik ziehen?

Der rot-grüne Hamburger Senat hatte die von ihm angestrebte Olympia-Bewerbung der Hansestadt mit einem Versprechen aufgeladen: Olympia und Paralympics, hieß es, würden Barrierefreiheit beschleunigen, inklusiven Sport stärken und verbessern. Wer für Inklusion sei, solle deshalb möglichst auch für Olympia sein. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) erklärte vor der Abstimmung, Investitionen im Zuge der Spiele würden auch in den Abbau von Barrieren und Inklusion fließen.

Dabei ist Inklusion kein Geschenk, das im Gegenzug für die Zustimmung zu einem milliardenschweren Mega-Event gewährt wird – sondern Menschenrecht und staatliche Verpflichtung. Die implizite Botschaft, dass mit Olympia auch Barrierefreiheit komme, mutet deshalb an wie eine politische Erpressung. Warum sollen behinderte Menschen auf Olympische Spiele warten, damit längst bekannte Barrieren beseitigt werden? Hamburg wollte sich ja für Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 bewerben. Wir brauchen Inklusion aber heute – nicht erst 2044.

Genau darum ging es wenige Tage vor dem Referendum bei einer Veranstaltung mit dem Titel: „Olympia: Inklusion oder Mogelpackung?“ Diese fand am 22. Mai im Bürgersaal Hamburg-Wandsbek statt, organisiert von der Partei Die Linke. Teilgenommen haben u.a. die Wandsbeker Bürgerschaftsabgeordneten der Linken Thomas Meyer (Sprecher für Inklusion) und Martin Wolter (Sprecher für Sportpolitik). Mitveranstalter waren u. a. das Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) und das Projekt Schattenbericht, das eine Evaluation des Hamburger Landesaktionsplans (LAP) aus Perspektive behinderter Menschen erarbeitet hatte. In drei Worldcafés wurden folgende Fragen diskutiert: Was bleibt von den Inklusionsversprechen ohne Olympia? Welches Bild von Behinderung vermittelt der Spitzensport? Und wie könnte inklusive Sport- und Stadtpolitik jenseits eines Megaevents sich anfühlen?

Versprechen, die längst geltendes Recht sind

Das erste Worldcafé stand unter der Überschrift „Inklusionsversprechen vs. Stadtpolitik“

Hamburg hat bereits einen LAP zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Die aktuelle Fassung wurde 2024 beschlossen und enthält 66 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern, darunter barrierefreies Bauen und Wohnen, Mobilität ohne Barrieren und selbstbestimmte Freizeit. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 geltendes Recht in Deutschland. Hamburg muss Inklusion also nicht deshalb voranbringen, weil vielleicht irgendwann Olympische und Paralympische Spiele stattfinden. Die Stadt muss sie voranbringen, weil behinderte Menschen heute ein Recht auf gleichberechtigte Partizipation genießen.

Im Worldcafé entstand deshalb ein klarer Satz: Olympische und Paralympische Spiele könnten allenfalls ein Plus für Barrierefreiheit sein – aber niemals ihre Bedingung. Wenn Maßnahmen, die ohnehin notwendig und teilweise längst beschlossen sind, plötzlich als Gewinn einer Olympiabewerbung präsentiert werden, wird aus einer Verpflichtung ein Lockmittel und aus einem Recht ein Versprechen unter Vorbehalt.

Das zeigt sich beim Wohnen. Befürworter der Olympia-Bewerbung argumentierten mit barrierefreiem Wohnraum im Olympischen Dorf. Die Gegenfrage liegt auf der Hand: Warum bauen wir solche Wohnungen nicht einfach vorher? Menschen, die heute keine passende Wohnung finden, können ihr Leben nicht auf Jahre vertagen. Es wurde zudem darauf verwiesen, dass Barrierefreiheit beim Neubau nur geringe Mehrkosten verursachen würde.

Ähnlich ist es bei der Mobilität. Die U-Bahn-Linie 5 soll barrierefrei werden, Bushaltestellen sollen umgebaut, Wege zu Sportstätten verbessert werden. All das ist richtig. Aber nichts davon ist ein Argument für Olympia. Vielmehr geht es darum, den öffentlichen Raum konsequent barrierefrei zu gestalten. Gerade Massenveranstaltungen zeigen außerdem, dass formale Barrierefreiheit allein nicht reicht. Eine Stadt wird nicht inklusiv, weil sie für einige Wochen barrierefreie Besucherströme organisiert. Sie ist inklusiv, wenn behinderte Menschen sich an jedem gewöhnlichen Tag selbstbestimmt durch ihre Stadt bewegen können.

Ein weiterer Punkt: Mitbestimmung. Planungen entstehen noch immer viel zu oft ohne die Beteiligung der Betroffenen von Anfang an. Behinderte Menschen müssen dann nachträglich erklären, warum etwas, das auf dem Plan barrierefrei aussieht, im Alltag nicht funktioniert. Inklusive Planung muss Partizipation von Beginn an gewährleisten.

Das zweite Worldcafé hieß „Ästhetik, Supercrips und Paralympics zwischen Emanzipation und Disziplinierung“.

Die hochtrainierten Körper der Athlet*innen können Bewunderung auslösen und Sichtbarkeit schaffen. Gleichzeitig transportieren sie ein gesellschaftliches Ideal: Anerkennung bekommt demnach, wer außergewöhnliche Leistung erbringt. Der behinderte Mensch wird gefeiert, wenn er Grenzen überwindet, Rekorde aufstellt und Medaillen gewinnt. Darin steckt die Figur des „Supercrip“ – des außergewöhnlichen behinderten Menschen, dessen Leistung als Heldengeschichte erzählt wird.

Leistung ist nicht der Maßstab für Menschenwürde

Das Problem ist nicht die Leistung der Athlet*innen. Problematisch wird es, wenn daraus ein Maßstab für alle wird. Dem widerspricht ein Kerngedanke von Inklusion. Menschen sind nicht deshalb ein wertvoller Teil der Gesellschaft, weil sie besonders produktiv, sportlich oder belastbar sind, sondern aufgrund ihres Menschseins und ihrer Individualität.

Der Spitzensport macht diesen Widerspruch sichtbar. Olympia organisiert Sport nach Leistung, Auswahl und Konkurrenz. Die Paralympics schaffen wichtige Sichtbarkeit für behinderte Menschen, verändern aber nicht diese Leistungslogik. Daraus entstanden Fragen: Warum finden Olympische und Paralympische Spiele getrennt statt? Können behinderte und nichtbehinderte Athlet*innen bei denselben Spielen antreten? Und wie könnte ein Sportereignis aussehen, das nicht nur diejenigen sichtbar macht, die Höchstleistungen erbringen? Denn Inklusion entscheidet sich nicht an Ausnahmeathlet*innen, sondern im Alltag.

Wie sähe Sport aus, wenn Inklusion wirklich das Ziel wäre?

Das dritte Worldcafé fragte nach „Utopien und Alternativen“ und regte vielfältige Ideen an: Breiten- und Leistungssport müssten für behinderte Menschen selbstverständlich zugänglich sein – möglichst gemeinsam mit nichtbehinderten Menschen. Ein Schwimmkurs oder Wassergymnastik müsse so angeleitet werden, dass beispielsweise auch blinde Teilnehmer*innen folgen können. Sportstätten müssten für behinderte Menschen erreichbar und nutzbar sein, sozialraumorientierte Angebote müssen behinderte Menschen von Anfang an mitdenken. Auch der freie Sport braucht mehr Förderung. Und die mediale Sichtbarkeit muss sich verändern. Parasport darf nicht nur alle vier Jahre kurz ins Zentrum rücken. Wenn Medien täglich über Sport berichten, muss der Sport behinderter Menschen dort gleichberechtigt vorkommen.

Vor allem stellte das Worldcafé die herrschende Vorstellung von Sport infrage. Sport soll Spaß, Selbstfürsorge und Gemeinschaft bedeuten – nicht nur Leistung und Wettbewerb. Eine inklusive Sportkultur müsste neue Maßstäbe hervorbringen: eigene Entwicklung, Freude an Bewegung, notwendige Pausen oder persönliche Bestzeiten.

Aber die Teilnehmenden gingen noch weiter: Wettbewerbe könnten ohne Nationalflaggen stattfinden, Teams sich über Ländergrenzen hinweg bilden. Auch das Profitinteresse müsse zurücktreten. Solange Vermarktung und Standortinteressen den Takt angeben, wird Inklusion schnell zum Imagefaktor statt zum politischen Prinzip.

Nicht 2044, sondern jetzt

Das zentrale Ergebnis der Wandsbeker NOlympia-Veranstaltung: Die Kritik an Olympia sollte nicht bei einem Nein stehenbleiben. Sie ist Ausgangspunkt für eine andere Stadt- und Sportpolitik. Der erste Workshop postuliert: Setzt die bestehenden Verpflichtungen um und beteiligt behinderte Menschen von Beginn an. Der zweite mahnt: Verwechselt Sichtbarkeit nicht mit Gleichberechtigung und Höchstleistung nicht mit Menschenwürde. Der dritte fordert einen Sport, in dem Partizipation, Freude, Selbstbestimmung und Gemeinschaft wichtiger sind als Medaillenspiegel und kommerzielle Verwertbarkeit.

Der rot-grüne Senat hat einen Schub für Barrierefreiheit, inklusive Sportangebote und bessere Infrastruktur versprochen. Die Antwort aus der NOlympia-Veranstaltung lautet: Dann macht es. Jetzt. Ohne Bewerbung. Ohne IOC. Ohne das finanzielle Risiko, dass die angekündigten Verbesserungen im Mahlstrom explodierender Kosten für die Spiele verschwinden.

Das genau ist die Lehre, die Behindertenverbände und politische Akteure außerhalb Hamburgs für ähnliche Argumentationen und Erpressungsversuche in ihren Ländern ziehen können. Und der Hamburger Senat kann nun, nach dem verlorenen Referendum, beweisen, dass Barrierefreiheit und Partizipation tatsächlich seine politischen Ziele sind – und nicht bloß strategische Argumente einer aufwändigen Bewerbungskampagne.

Siegfried Saerberg, Münster

Erstveröffentlichung in newsletter Behindertenpolitik Nr. 115 (September 2026), Seiten 6+7, https://www.bioskop-forum.de/publikationen/newsletter-behindertenpolitik/

dirkseifert

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