Die Tücken des Hamburger Olympia-Konzepts

Sicherheitstrakt Hamburger Innenstadt? London zeigt, wie das aussieht! (Foto: Sybille Bauriedl)

Sicherheitstrakt Hamburger Innenstadt? London zeigt, wie das aussieht! (Foto: Sybille Bauriedl)


Das Hamburger Konzept sei „toll“, „eine wunderbare Beschleunigung“ (Zeit) oder einfach nur „überzeugend“, so liest man. Daher ist es umso interessanter, dass Wolfgang Maennig, Ruder-Olympiasieger von 1988 und Professor für Wirtschafstwissenschaften, in einem lesenswerten F.A.Z.Interview massive Kritik am Hamburger Konzept äußert.

Auf die Feststellung, dass Hamburg mit seinen Olympia-Plänen vorrangig Stadtentwicklungs-Pläne, wie den Sprung über die Elbe und die Erschließung des Kleinen Grasbrooks verfolgt, wird gefragt, ob die Verknüpfung zwischen Stadtentwicklung, Wohnungsbau und die Schaffung von Sportstätten falsch sei. Die Antwort des langjährigen Olympiaberaters u.a. für München ist mehr als deutlich:

„Stadtentwicklung ist wichtig, aber wir laufen Gefahr, Olympia finanziell und inhaltlich zu überfordern. Wie soll Olympia in sieben Jahren den Sprung leisten, den Hamburg in Jahrzehnten nicht geschafft hat? Bei den deutschen Planungsanforderungen und rechtlichen Widerspruchsmöglichkeiten? Der öffentliche Widerstand ist abzusehen, und er wird auf das unschuldige Olympia projiziert. Man kann die Politik nicht durch Olympia aus der Verantwortung für sinnvolle Stadtentwicklung entlassen. Ich möchte den Zusammenhang zwischen Olympia und Stadtentwicklung grundsätzlich in Frage stellen. Olympia muss man wegen der Spiele an sich wollen, nicht wegen etwas anderem.“

Wolfgang Maennig nennt dies das „Barcelona-Syndrom“, weil seit 1992 Städte in aller Welt versuchen, das zu kopieren, was Barcelona damals gemacht hat: die Spiele massiv für Stadtentwicklung zu nutzen. Das Problem ist nur, dass in Barcelona die Ausgangssituation in Post-Franco-Zeiten eine völlig andere war. Auch ist diese Tendenz der Kopplung von Olympischen Spielen an Mega-Stadt-Entwicklungsprojekte mit verantwortlich für die olympischen Kostenexplosionen und Fehlplanungen der letzten Jahrzehnte. Olympia wird – so Maennig benutzt, nicht um die Sportler/innen zu Gast zu haben, sondern um die Regierungen um Milliardenbeträge erpressen zu können: „Sie missbrauchen Olympia als Stadtentwicklungs-programm“.

In Hamburg sieht man das anders und will mit Olympia die Stadt quasi neu erfinden, um damit lästige Fragen nach den Kosten des Olympischen Spaßes umgehen zu können. Die Strategie: Ist doch wunderbar für die Stadtentwicklung, also reden wir nicht über die Kosten. Dabei ist das Hamburger Olympia-Konzept der kurzen Wege auch für sich genommen ein äußerst fehlerhaftes, da gerade in der Konzentration auf die wenigen Flächen in der Innenstadt und den Kleinen Grasbrook der Druck auf diesen Bereich enorm erhöht. Eine erste Kritik des Deutschen Olympischen Sportbunds DOSB war dann auch, dass Hamburg viel zu klein geplant habe. Kleiner Rückblick: Bereits im September vermeldete das Abendblatt, dass am Konzept nachgebessert werden müsste, da die Hamburger viel zu klein geplant hätten.

Zentraler Punkt der Veränderungen, die bereits Anfang August feststanden, aber nicht rechtzeitig in den zum DOSB geschickten Prospekt eingearbeitet worden waren, ist die Verlegung eines Teils des olympischen Dorfes vom südlichen auf den nördlichen Kleinen Grasbrook. Dadurch entsteht auf der 110 Hektar großen Elbinsel südlich der HafenCity mehr Gestaltungsraum für die Anordnung von Olympiastadion, Trainingsplatz, Schwimmhalle, Olympiadome und des olympischen Dorfes.

In einem ergänzenden Artikel heißt es:
„In dem modifizierten Entwurf ist neben der Verlegung der Schwimmhalle vorgesehen, auch den nördlichen Kleinen Grasbrook gegenüber der HafenCity für den Bau des olympischen Dorfes zu nutzen. Weil die Eigentumsverhältnisse auf diesem Teil des Geländes nach 2024 unklar waren, sparte die Stadt die Fläche bei ihren Planungen zunächst weitgehend aus. Jetzt steht fest: Auch hier können Wohnungen für das Athletendorf entstehen, die nach den Spielen vermietet oder verkauft werden.“

Aha, sehr interessant. Hier hat das Abendblatt die exklusive Information, dass auch der Moldauhafen für die Olympischen Spiele genutzt werden kann? Wann wurde dies verhandelt und wie teuer kommt die Stadt dieser Deal? Unseres Wissens ist dieses Gebiet mind. bis 2028 in tschechischer Hand. Über die komplizierten Eigentums- und Nutzungsverhältnisse auf dem Kleinen Grasbrook hatte NOlympia bereits informiert. Auch die Welt berichtet von einem Pachtvertrag mit der Tschechischen Republik bis 2028.

Wir halten fest: das Olympische Wunschgelände der Stadt ist enorm schwierig zu erschließen und hier wurde mit vielen Unbekannten geplant. Auch wird es sicherheitspolitisch extrem schwierig und kostenintensiv sein, diesen Bereich zu schützen. Wie soll beispielsweise die Insel Kleiner Grasbrook evakuiert werden, wenn Tausende im Olympia-Stadion sind und es im Falle eines Anschlags oder Unfalls zu einer Evakuierung kommen sollte? Hier sehen die Manuals des IOCs scharfe Sicherheitskriterien vor. Sicherheit ist auch ein Faktor, der in London zur Kostenexplosion des Sicherheitsetats geführt hat. Von ursprünglich 250 Millionen Euro, die für Sicherheitsvorkehrungen einkalkuliert waren, stiegen die Kosten auf 705 Millionen Euro, dabei ist der letzte Sicherheitszuschlag von 6.000 zusätzlichen Soldaten noch nicht eingerechnet. Die Süddeutsche Zeitung rechnet 1,2 Milliarde Euro Sicherheitskosten für London vor. Die „größte britische Militäraktion in Friedenszeiten“ war dies, die über Monate enorme Einschränkungen für die Bevölkerung mit sich brachte.

Bezogen auf das Hamburger Konzept bleibt die bange Frage: Wie soll das kompakte Austragungsgebiet der Spiele rund um den Kleinen Grasbrook, das 2024 einen enormen Besucherandrang zu verkraften hätte, vor Terrorgefahren geschützt werden und was sind nicht nur die finanziellen Kosten, die die Stadt und ihre Bewohner/innen zu tragen hätten?

Ein Gedanke zu „Die Tücken des Hamburger Olympia-Konzepts

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