Olympische Spiele und Nachhaltigkeit – Es ist noch viel zu tun

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Hans Jägemann. Ehemaliger Abteilungsleiter beim Deutschen Sport Bund: Bei der Nachhaltigkeit ist noch viel zu tun. Foto: privat

Kann man sich Olympische Spiele vorstellen, die nicht mehr gigantisch sind, sondern nachhaltig und klimaneutral? Dieser Frage widmet sich im folgenden Beitrag Dr. Hans Jägemann.  An der Praxis der Vergabe und Durchführung Olympischer Spiele übt er deutliche Kritik, präsentiert aber auch Verbesserungsvorschläge. Jägemann war bis zur Fusion des Nationalen Olympischen Komitees mit dem Deutschen Sportbund (DSB) 2006 Abteilungsleiter Umwelt und Sportstätten beim Deutschen Sportbund und gilt als ausgewiesener Experte, der auch heute noch aktiv ist. So hatte er in den letzten Jahren Lehraufträge für Sportstättenplanung an Universitäten in Italien und Deutschland.

In einem Grundsatz-Artikel, der vor zwei Jahren erschienen ist beschreibt Jägemann die Entwicklung des Nachhaltigkeitsgedankens beim IOC, stellt Fragen zu den aktuellen Rahmenbedingungen des Umweltschutzes und macht schließlich Vorschläge für die künftige Entwicklung dem Gedanken der Nachhaltigkeit verpflichteter Olympischer Spiele.

Jägemann beschreibt die recht spät einsetzende Entwicklung des Umweltgedankens beim Internationalen Olympischen Komitee seit Anfang der 90er Jahre, zeigt auf, dass bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer 1994 und den Sommerspielen 2000 in Sydney erste wichtig Impulse realisiert wurden, die eine Abkehr von der bis dahin geltenden Ignoranz gegenüber Umweltbelangen und dem „immer größer, immer mehr“ andeuteten. “Sustainable Sport”, also “Nachhaltiger Sport”, war zumindest zu einem Thema geworden.

Nach und nach hielten Umweltthemen Eingang in die Strukturen des IOC. Fachtagungen und die Aufnahme in die Olympic Charter folgten. “Die Sommerspiele 2000 in Sydney unterlegten dieses neue Denken mit einer Fülle ökologieorientierter Details, von der Wiedernutzbarmachung eines vergifteten altindustriellen Geländes in bester Lage als Zentrum der Spiele über das Verkehrskonzept ohne Privatautos, den Umbau einer Kohlegrube zur Regattastrecke, ökologieorientierten Sportstättenbau mit Energiesparmaßnahmen, Verzicht auf PVC und die Errichtung eines Teils der Sportstätten als temporäre Strukturen, wenn die Folgenutzung nach den Spielen nicht gesichert war.

Partnerschaften mit Umweltorganisationen haben sich dabei als wichtiger Pluspunkt erwiesen. So war Greenpeace Australien bei der Planung der Spiele 2000 Motor des Umweltkonzepts, vereinbarte mit dem Organisationskomitee verbindliche Umweltrichtlinien und wachte über deren Einhaltung.”

Ausdrücklich lobt Jägemann das IOC im Zusammenhang mit den Spielen in Sydney: “Mit seinem Bekenntnis zur Bedeutung von ökologisch tragfähigen Konzepten hat das IOC nicht nur die Umweltbilanz der Spiele selbst verbessert, sondern auch ein wichtiges Signal in die Sportöffentlichkeit gesendet, das diejenigen ermutigt, die sich für eine bessere Umweltverträglichkeit des Sports einsetzen. Die Bedeutung dieser Rolle ist nicht zu unterschätzen.”

Kritische Fragen über die Nachhaltigkeit

Immer wieder wurde und wird im Zusammenhang von Kosten und Nachhaltigkeit bei Olympischen Spielen diskutiert, ob es nicht sinnvoller sei, nicht jedes Mal den Austragungsort zu ändern. Oft wird argumentiert, dass sich Athen als historischer Ursprungsort für eine dauerhafte Ausrichtung der Spiele anbieten würde. Auch Jägemann greift diesen Gedanken auf: “Ein Hauptproblem für die Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele wird bisher nicht thematisiert: Der Wechsel des Austragungsorts alle vier Jahre, der immer wieder das komplette infrastrukturelle Angebot verlangt und nach den Spielen Fragen der Nachnutzung aufwirft. Trotz zunehmender Versuche, bereits Vorhandenes mitzuverwenden und etwa Messehallen vorübergehend zur Sportstätte umzubauen, wird doch in der Regel ein großer Teil der gesamten Infrastruktur an Sportstätten, Hotels, das Olympisches Dorf, Pressezentrum, Verkehrswege jeweils neu errichtet. Ein Blick auf Athen und Peking bestätigt dies. Hinzu kommt häufig eine nicht gesicherte Folgenutzung der Anlagen, ein Verstoß gegen eine der Kernforderungen des IOC an die Bewerberstädte. So steht heute beispielsweise in Athen ein großer Teil der Olympischen Wettkampfstätten ungenutzt leer.”

Darüber hinaus geht Jägemann auch auf die “temporären Maßnahmen” ein, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben und auch bei dem für die Hamburger Bewerbung geplanten Olympia-Stadion zum Zuge kommen sollen. Für die Spiele wird das Stadion mit rund 75.000 Plätzen ausgestattet sein, die anschließend auf ca. 25.000 Plätze zurück gebaut werden sollen. Auch die Messehallen sollen in Hamburg temporär für Sportveranstaltungen eingesetzt werden. Allerdings fragt Jägemann auch danach, wie der Rückbau stattfindet und was danach passiert:

“Zur Vermeidung von „White Elephants“, d. h. von nur an wenigen Tagen während der Spiele ausreichend genutzten Anlagen, die in der jahrzehntelangen Phase der Nachnutzung schlecht oder gar nicht genutzt werden, hohe Kosten verursachen und so wertvolle Ressourcen verschwenden, wurde das Konzept der „temporären“ Anlagen entwickelt, das bereits bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit eine Rolle gespielt hatte. Temporäre Anlagen können für die Zeit der Veranstaltung umgenutzte Anlagen für einen anderen Zweck sein, z. B. Messehallen, die für die Sportnutzung entsprechend umgestaltet werden und danach wieder ihrer eigentlichen Bestimmung dienen. Auch zusätzliche Tribünenkapazitäten für die Zuschauer werden häufig verwendet, um die erforderliche Zahl an Zuschauerplätzen zu erreichen. Voraussetzung dafür, dass diese temporären Strukturen auch tatsächlich als nachhaltig bezeichnet werden können, ist jedoch, dass sie nicht nach der Veranstaltung lediglich demontiert und irgendwo jahrelang gelagert werden, sondern sinnvoll weiterverwendet werden können.”

Doch die Kritik von Jägemann geht über diese eher übersichtlichen Maßnahmen weit hinaus, wenn er unter der Überschrift “Prüfung der Umweltauswirkungen nicht umfassend und nicht ausschlaggebend” schreibt: “Das Umweltkonzept des IOC ist nicht umfassend. Es bezieht sich auf bedeutsame aber nicht auf alle wichtigen Aspekte.” Konkret benennt er z.B. die Hotels, von denen Hamburg nach den Anforderungen des IOC viel zu wenige hat: “Die geforderte Quantität und Qualität beim Hotelangebot, bei der Kapazität von Luft- und Straßenverkehr und in anderen Gebieten werden beispielsweise nicht oder nur am Rande auf Umweltauswirkungen hin bewertet.”

Entscheidend aber ist: “Die Umweltbewertungen gehen zudem nur relativ schwach gewichtet in das Gesamtergebnis ein und werden daher nur in Ausnahmefällen den Ausschlag bei der Auswahl einer Bewerberstadt geben.”

Darüber hinaus kritisiert Jägemann, dass die “Vorgaben des IOC nicht verbindlich sind” und erläutert: “Die Vorgaben des IOC für die Bewerberstädte in den entsprechenden Schriftstücken „Applicant and Candidate City Procedure and Questionnaire“, „Candidate Files“„Technical Manuals“ und die allgemeiner gehaltenen Handbücher „IOC Manual on Sport and the Environment“und „IOC Guide on Sport and Environment“ sind überwiegend für die Bewerber und die ausrichtende Stadt nicht bindend. Zudem ist, wie schon erwähnt, der Bereich Umwelt bei der Bewertung derart niedrig gewichtet, dass sich mit oder ohne Berücksichtigung von Umweltkriterien in der Regel vermutlich dieselbe Rangfolge ergeben würde.“

Obwohl Nachhaltigkeit und Umweltschutz immer wieder in den Veröffentlichungen besonders betont und für wichtig seitens des IOC oder auch des DOSB erklärt werden, stellt Jägemann fest, dass das Evaluationsergebnis letztlich für die Entscheidung nicht ausschlaggebend ist: “Ein gravierendes Hemmnis auf dem Weg hin zu nachhaltigen Olympischen Spielen ist die Tatsache, dass das Ergebnis der Evaluierung der Bewerberstädte für die Vergabe der Spiele nicht allein entscheidend ist, sondern das IOC zwar in Kenntnis der Bewertung aber meist nach anderen, zusätzlichen Kriterien entscheidet.”

Außerdem ist der ehemalige Abteilungsleiter der Auffassung, dass die “öffentliche Darstellung der Umweltprojekte verbesserungsbedürftig ist”. So schreibt er: “Defizite bestehen unübersehbar auch bei der öffentlichen Darstellung der Olympischen Umweltprojekte. Dies mag an den Medien liegen. Wenn etwa das Fernsehen in Wettkampfpausen lieber die dritte Wiederholung eines langweiligen Interviews oder eine Zusammenfassung vom Vortag bringt, statt in einem speziellen Beitrag über das Umweltkonzept zu informieren, ist eine große Chance vertan, der Öffentlichkeit einen interessanten Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen und sie so auch dazu zu ermutigen, im privaten Bereich ähnliches anzupacken. Aber auch Spitzensportler und die Offiziellen könnten weit mehr als bisher die Umweltarbeit des IOC und der Ausrichterstädte bekannt machen und dafür werben. Die Öffentlichkeitsarbeit während der Spiele müsste diesen Aspekt weit stärker und immer wieder herausstellen, die reichlich vorhandene Prominenz aus Politik und Gesellschaft könnte das Umweltthema in der besonderen Atmosphäre Olympischer Spiele aufgreifen und populär machen.”

Dabei geht es Jägemann aber nicht nur um die positiven Potenziale, auch negative Dinge müssten offen und deutlich benannt werden: “Die für die Sportler notwendige Umweltqualität ist nicht sichergestellt. Sport als hervorragender Beitrag zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil braucht als Vorbild aber auch Olympische Spiele mit Umweltbedingungen, die gesund sind und nicht die Gesundheit der Athleten gefährden. Die Bedingungen in Athen waren wegen der Luftverschmutzung, insbesondere für die Ausdauersportler, bereits bedenklich. In Peking mit enormen Luftbelastungen – eine Folge des ungehemmten Industriewachstums und täglich steigender PKW-Zulassungen – drohte die Nichtteilnahme von Sportlern, die um ihre Gesundheit und ihre Chancen fürchteten und eine entsprechend negative Berichterstattung. Deshalb wählte man einen vermeintlich eleganten Ausweg: Bedeutende Schadstoffquellen in Industrie und Verkehr wurden durch zeitweilige Schließungen besonders starker Emittenten und Fahrverbote soweit reduziert, dass es nicht zur Katastrophe kommen konnte. Außerdem war bei der Messung der Schadstoffbelastung anscheinend der Verdacht von Manipulationen nicht abzustreiten. Sicherlich ist es legitim und entspricht der Rolle eines guten Gastgebers, wenn man sich seinen Gästen im besten Lichte präsentieren möchte. Auch die Bevölkerung profitiert nach den Olympischen Spielen davon, wenn Stadtbild, Kultur, Verkehrssystem und Ökologie einer Generalüberholung unterzogen wurden. Problematisch wird es, wenn diese Verbesserungen nicht von Dauer sind, sondern nur zur formalen Erfüllung von Auflagen und zur Blendung der Öffentlichkeit erfolgen.”

Vorschläge für mehr Nachhaltigkeit

Jägemann schließt seinen Artikel mit Vorschlägen, wie eine Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie des IOC aussehen könnte: “Zur Idee der Nachhaltigkeit, der sich das IOC verpflichtet fühlt, gehört mehr als Wärmedämmung, Solarenergie und Regenwassernutzung. Deshalb sollten die Bewerbungskriterien erweitert werden.”

Gesunder Sport und eine gesunde Umwelt müssen Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen bekommen, fordert er: “Beispielsweise müssen die Bedingungen für einen gesunden Sport in einer gesunden Umwelt während der Spiele und genauso danach garantiert sein. Ansonsten gerät die Umwelt als dritte Dimension der Olympischen Idee in Gefahr, zur Farce und zum Alibi für die Dominanz des größtmöglichen Gewinns zu werden. Es geht auch anders. Dazu bedarf es aber eines neuen Aufbruchs, des Herausstellens guter Beispiele und ihrer Verallgemeinerung, eine stärkere Akzentuierung des Themas durch das IOC. Die Bewerberstädte müssen wissen, dass sie Umweltqualität garantieren müssen und nicht „herstellen“ dürfen.”

Ausdrücklich verweist er auf das Problem, dass ehemalige Ankündigungen im Laufe der Vorbereitungen auf die Spiele durch den extrem engen Zeitplan unter die Räder kommen und hinten runter fallen: “Es darf auch nicht immer wieder hingenommen werden, dass geplante und in der Bewerbung zugesagte Maßnahmen später – nachdem die Entscheidung für diesen Austragungsort und gegen die Mitbewerber gefallen ist – nicht umgesetzt werden, weil angeblich oder auch tatsächlich unvorhergesehene Schwierigkeiten auftreten oder ein fahrlässig enger Zeitplan dies nahelegt.”

Es habe Fortschritte gegeben, stellt Jägemann fest, “z. B. die Aufstellung und der Stellenwert eines verbindlichen „Masterplan“ für die Vorbereitung und Durchführung der Spiele wie erstmals in London”. Aber: Diese sind nicht dem IOC geschuldet, sondern beruhen “meist überwiegend auf nationalen oder regionalen Vorschriften, Traditionen oder der etablierten Planungskultur vor Ort”.

Wichtig ist laut Jägemann, dass nicht nur isolierte Betrachtungen erfolgen, sondern auch der Kontext bzw. das Umfeld einbezogen werden müsse: “In vielen Fällen stellt nicht eine Wettkampfstätte an sich das Problem dar, sondern ihre Dimensionierung, d. h. die Zahl der Zuschauerplätze und der Bedarf an daraus abgeleiteten zusätzlichen Einrichtungen für die Zuschauer, wie Verpflegungs- und Sanitärbereiche, Parkplätze, Fluchtwege, Flächen und Räume für Sicherheit und medizinische Betreuung usw. Dies gilt gleichermaßen für permanente wie für temporäre Strukturen.”

Mit zwei grundsätzlichen Aussagen fasst Jägemann seine Kritik an den bisherigen Diskussionen um Nachhaltige Olympische Spiele zusammen. Bezieht man diese auf die Hamburger Bewerbung, dann wird deutlich, dass es noch erheblichen Reform- und Nachbesserungsbedarf gibt, wenn er schreibt:

“Ist es vertretbar, die Kapazität der Sportstätten am Spitzenbedarf zu dimensionieren, z. B. die Größe des Stadions an den Anforderungen der Eröffnungs- und Abschlussfeier? Es können ohnehin auch nicht einmal annähernd alle Wünsche nach Eintrittskarten für die Hauptereignisse erfüllt werden. Im Medienzeitalter wäre es aber wohl hinnehmbar oder sogar erstrebenswert, die Zahl der Zuschauerplätze an der nachhaltigen Nachfrage der Nachnutzungsphase zu orientieren und u. U. wesentlich weniger Plätze anzubieten. Die Veranstaltungen werden ohnehin von der großen Mehrheit der Zuschauer am Fernsehgerät oder an Leinwänden an zentralen Orten außerhalb der Wettkampfstätte verfolgt. Und eine animierende Wettkampfatmosphäre ist auch bei kleineren Zuschauerbereichen herstellbar, wenn nicht sogar gerade deshalb.”

Nach dem Motto, weniger ist mehr, stellt Jägemann nicht nur die Dimensionen der Stadien oder Austragungsstätten in Frage, sondern fragt auch: “Ist das immer weitere Wachstum der Zahl der Wettbewerbe und damit auch der erforderlichen Wettkampfstätten mit Nachhaltigkeitszielen zu vereinbaren? Ich glaube nein.”

2 Gedanken zu „Olympische Spiele und Nachhaltigkeit – Es ist noch viel zu tun

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