Olympia-Bewerbung und Sportbund Hamburg – Machtkämpfe

schwimmverbotEs hat in den letzten Monaten auch bei den Hamburger Sportvereinen und -verbänden zahlreiche Auseinandersetzungen um eine Olympia-Bewerbung von Hamburg gegeben. Vor wenigen Tagen erst hat der Sportbund einen neuen Vorsitzenden gewählt und sich für eine Bewerbung ausgesprochen. Darüber hatten wir bereits hier berichtet: Olympia-Bewerbung Hamburg? Sportbund will das Tor zur Welt öffnen. Bis wenige Tage vor der Wahl war noch unklar, wie es mit der Verbandsspitze weiter gehen würde, hinter den Kulissen wurde heftig gearbeitet.

Noch im Frühjahr hatte der Sportbund unter seinem bisherigen Chef sogar die Handelskammer für ihr Drängel kritisiert. Darüber berichtet der Blog umweltFAIRaendern: Gar nicht richtig olympisch – Hamburgs Sportbund moppert gegen Handelskammer.

Mit den Konflikten innerhalb des Hamburger Sportbundes setzt sich der folgende Text auseinander, der uns zugeschickt wurde mit dem Hinweis, dass der Autor Oliver Star heißt. Wir dokumentieren:

Das HSB-Personaltableau – wie stark ist der Einfluss der Olympialobby auf lokale Sportfunktionäre?

Dass insbesondere die Handelskammer ein Interesse an Olympischen Spielen in Hamburg hat, ist hinlänglich bekannt – schließlich tönte selbst der Tourismusverband, Olympia sei eine „Goldgrube“ (1) für die Wirtschaft. Steigende Mieten, Gentrifizierung, Milliardenschulden, Verkehrs- und Umweltprobleme für Stadt und öffentliche Hand interessieren sie schließlich wenig; lässt sich mit Olympischen Spielen doch das Prinzip der Bankster „Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren“ bestens ausleben. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat’s vorgemacht.

Nun sollte man meinen, dass Wirtschaftslobbyisten aus Handelskammer oder Tourismusverband nur ein Akteur unter vielen seien. Schließlich gibt’s es da noch den organisierten Sport in Form des Hamburger Sportbundes (HSB). Als Dachverband mit über einer halben Million Mitgliedschaften in mittlerweile 802 Vereinen und 54 Fachverbänden ist der HSB die größte Personenorganisation der Stadt. Neben der Vertretung des organisierten Sports in der Politik, Leistungssport- sowie Vereinsentwicklung nimmt der Sportbund für sich in Anspruch, für „Sport für Alle“ zu stehen, sprich: Breitensport zu fördern.

Zwar fühlt sich der HSB in seinem Leitbild (2) auch den Idealen der Olympischen verpflichtet, hat sich aber scheinbar weniger damit beschäftigt, dass die an sich sehr hehren Grundsätze der Olympischen Idee seit Jahrzehnten vom korrupten und undemokratischen Internationalen Olympischen Komitee (IOC) pervertiert werden. Zumindest lässt sich die olympische Praxis der letzten Jahrzehnte nur schwer mit der Philosophie des IOC-Gründers Pierre de Coubertins vereinbaren, der die Olympische Bewegung als Beitrag zum Aufbau einer friedlicheren und gerechteren Welt sah. Dass US-Experten errechnet haben, dass die „Marke“ Olympia 2012 das zweitwertvollste „Unternehmen“ (3) der Welt noch vor Google und Microsoft ist, hätte er sich wahrscheinlich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Aber zurück zum organisierten Sport in Hamburg, von dem man meinen will, in Sachen Hamburger Sportpolitik ein besonders kritisch-konstruktives Verhältnis zur haben. Während die öffentlichen Kassen klamm sind und der Hamburger Sport immer noch mit massivem Sanierungsstau bei Sportstätten, knappen Kapazitäten (vor allem beim Hallensport) und saisonal teilweise unbenutzbaren Sportplätzen zu kämpfen hat, äußerte sich der ehemalige Präsident des Sportbundes, Günther Ploß im Februar 2014 kritisch zu den Olympia-Plänen der vorpreschenden Handelskammer, die eine Bewerbung für 2024 gerne schon heute als morgen über das Knie gebrochen sähe:

„Die Handelskammer ist vorgeprescht und versucht etwas am Sport vorbei auf den Weg zu bringen. Das ist falsch. […] Wir lassen uns von der Handelskammer nicht treiben, die andere Interessen hat.“ (4) Ploß zentrale Kritik: „In kurzer Zeit, bis November 2015, für die Spiele 2024 ein siegfähiges Konzept vorzulegen, ist kaum zu schaffen. Wir wehren uns gegen eine Holterdiepolterkampagne. Wir wollen Olympia seriös auf den Weg bringen.“ (5) Mit anderen Worten: Günter Ploß ist nicht einmal gegen Olympia, man wollte nur ein seriöses und realistisches Konzept mit Hoffnung auf Erfolg. Zustimmung erhielt er im Übrigen auch von der sportpolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion, die eine Bewerbung für 2024 für zu kurzfristig hielt. Damals zumindest, denn dieser Widerspruch ist –wie wir wissen- mittlerweile passé. Es bleibt bei 2024, egal wie unrealistisch die Chancen auch immer sein mögen.

Nun ist es keine Seltenheit, dass es selbst unter Befürwortern von Großprojekten unterschiedliche Meinungen über das Wie, Wann und Wo gibt. Ginge es nach Reinhard Wolf von der Handelskammer, könnte Hamburg sich immer und immer wieder bewerben, auch wenn die Chancen noch so gering wären. Schließlich kostet eine Bewerbung im Durchschnitt schlappe 80 Millionen Euro, die weitgehend den SteuerzahlerInnen aufgebürdet wird. Deshalb zoffte sich der Ex-HSB-Präsident zu Recht in der Sendung „Schalthoff live“ mit dem Handelskammer-Vertreter.

Aber wo kämen wir denn hin, wenn die Olympia-Befürworter Widerspruch dulden müssten, insbesondere aus den eigenen Reihen? Zumal es bei Olympischen Spielen ums „Big Business“ geht, wie DIE LINKE treffend feststellt. (6) Kaum zwei Wochen nach dem Streit bei Hamburg1 meldete das Abendblatt: „Großvereine wollen HSB-Präsident Ploß stürzen.“ (7)

Worum geht es? Die sogenannten 26 „Topsportvereine“ (TOP 26) repräsentieren nach eigenen Angaben 140.000 Mitglieder. Sie sind die Big Player der Hamburger Sportvereinszene und beschreiben sich als Vereine, die fünf wesentliche Qualitätsmerkmale aufweisen: Vielfältiges Angebot, wirtschaftliche Kraft, Qualität und Professionalität, soziale Kompetenz, Internationale Kontakte. Wer denkt, dass es sich bei dieser Selbstdarstellung um einen multinationalen Konzern handelt, der irrt.

Diese Big Player wollen die Wiederwahl des Amtsinhabers Ploß verhindern. Ploß, ein ehemaliger Gewerkschafter, gilt unter Insidern als Vertreter des Breitensports, der eher kleinen und mittleren Vereinen zugeneigt ist. Die überwältigende Mehrheit der Vereine im HSB ist dieser Gruppe zuzurechnen.

Als Grund gab ein Sprecher der Topsportvereine an: „Wir trauen Ploß nicht mehr zu, die notwendigen Reformen im Sportbund auf den Weg zu bringen, neue Konzepte und höhere politische Schlagkraft zu entwickeln und die Interessen des organisierten Sports gegenüber dem Senat mit Nachdruck zu vertreten.“ Zudem forderten die TOP 26 mehr Transparenz bei den Finanzen, größeren Entscheidungsspielraum der hauptamtlichen Mitarbeiter (über die fast ausschließlich die Topsportvereine verfügen) und die Degradierung des Präsidiums zum Aufsichtsrat. Weiterhin befürchteten die Großsportvereine, dass Ploß bei den anstehenden Verhandlungen über den neuen Sportfördervertrag 2015/16 zu wenig für den HSB herausholt, insbesondere in den Bereichen Fachverbandsarbeit, Übungsleiterzuschüsse und Sanierung vereinseigener Anlagen. Ploß wehrte sich zwar mit den Worten: „Ich habe nicht die Interessen der 26 Großvereine zu vertreten, sondern die aller 797. Wir haben in den vergangenen Jahren substanzielle Verbesserungen für den gesamten Sport erzielt. Davon haben auch die Top 26 profitiert.“ Genützt hat es allerdings nichts. Mit Jürgen Mantell, bisher HSB-Vize, schickten sie ihren Kandidaten ins Rennen. (8)

Hinter den Kulissen wurde drum gerungen, Ploß zum Abdanken zu bewegen. Wenige Tage vor der Mitgliederversammlung am 27.06.2014 gab Ploß den Widerstand auf und gab bekannt, nicht weiter für eine vierte Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Das Abendblatt kommentierte die schmutzige Intrige der TOP 24 wie folgt:

„Wer den Hamburger Sportbund […] führen soll, darüber herrscht jetzt Einigkeit: Dr. Jürgen Mantell, 70, bislang HSB-Vizepräsident. Der ehemalige Eimsbütteler Bezirksamtsleiter (1996 bis 2010) ist der Wunschkandidat vieler großer Vereine und Verbände. Weil er bei Ploß im Wort stand, nicht gegen ihn anzutreten, gab es keinen Wahlkampf. Die von den Topsportvereinen geplante Variante, Ploß Sonnabend im ersten Wahlgang durchfallen zu lassen und Mantell im zweiten als Alternative zu präsentieren, empfanden selbst Mantell und seine Parteigänger „als unglücklich“. Daher drängten sie Ploß seit mehr als einem halben Jahr zum Verzicht. Der erfolgte jetzt.“ (9)

Was das mit Olympia in Hamburg zu tun hat? Ganz einfach: Was wie ein Geschacher um einen lokalen Funktionärsposten wirkt, nahm im Laufe der Streitigkeiten groteske Züge an. So berichtete das Abendblatt, dass die TOP 26 Druck auf Alfons Hörmann ausgeübt hätten, damit dieser Ploß zum Abdanken bewege:

„Mitte der vergangenen Woche hatten Ploß‘ Gegner ihm über den Verband Hamburger Skivereine eine interne Mail der Topsportvereine zukommen lassen in der Absicht, Hörmann möge Ploß zum Abdanken bewegen.“ (10)

Hörmann ist Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und entscheidet so nebenbei maßgeblich mit, ob Hamburg oder Berlin für Deutschland ins Rennen um die Austragung Olympischer Spiele 2024 geht. Und die Tosportvereine? Sie könnten –würde Hamburg ins Rennen um Olympische Spiele gehen- von neuen Sportstätten profitieren, weil nur sie wirtschaftlich und organisatorisch in der Lage sind, diese in Eigenregie zu unterhalten. Kleinere und mittlere Vereine, die ohnehin bei Sportstätten und der Zuteilung von Kapazitäten benachteiligt werden, gingen leer aus.

Die Ironie der Geschichte: Ploß holte bei den Verhandlungen mit der Stadt über den Sportfördervertrag 2015/16 mehr als 5 Millionen Euro mehr raus als zuvor, insbesondere in den Bereichen Fachverbandsarbeit, Übungsleiterzuschüsse (zusammen plus 330.000 €) und Leistungssport (plus 100.000 €). (11) Dass Ploß gerade für diese Bereiche zu wenig tun würde, war eine der zentralen Kritiken der TOP 26 an ihm. Sein Engagement hat sich allerdings nicht ausgezahlt.

Sein Nachfolger Mantell, der für den Leistungssport und die TOP 26 steht, war übrigens während Ploß’ Amtszeit Vizepräsident für Sportinfrastruktur. Auch für ihn hat HSB-Präsident Ploß satte 2 Mio. € (für den Bau einer Judo- und Handballhalle) mehr herausgeholt. Aber wahrscheinlich hat Ploß damals nicht erahnen können, dass 10 Tage später Mantell auf seinem Stuhl sitzen würde.

Auch pikant: Auf der Mitgliederversammlung des HSB, die schlussendlich einstimmig (!) Mantell wählte, waren gerade einmal 95 von 804 Vereinen. (12) Das sind weniger als 15% der Mitglieder. Welche Vereine definitiv anwesend waren, kann man sich denken.

Und auch die eingebrachte Resolution, Hamburg solle sich unbedingt um Olympia bemühen, wurde mit nur einer Gegenstimme angenommen. Eine Gegenstimme! Ein Lichtblick, wenn auch nur ein klitzekleiner.

Liste der im Text verwendeten Links:

1. http://www.hamburg1.de/aktuell/OlympiaOptimismus-20925.html
2. http://www.hamburger-sportbund.de/hsb/leitbild.php5
3. http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&ved=0CCkQFjAB&url=http%3A%2F%2Fwww.brandfinance.com%2Fimages%2Fupload%2Fbrand_finance_olympics_press_release_2012.pdf&ei=N07FU7zJJMmkO6-YgOgO&usg=AFQjCNHFS4VYevqMsFI1vAJnIVdcfGEd-A&bvm=bv.70810081,d.ZWU&cad=rja
4. http://www.hamburg1.de/sendungen/SchalthoffLive/Olympia_in_Hamburg-3676.html
5. http://www.abendblatt.de/hamburg/article124797126/Sport-und-Wirtschaft-streiten-ueber-Olympiabewerbung.html
6. www.die-linke-hamburg.de/uploads/media/Olympia-Studie.pdf
7. http://www.abendblatt.de/sport/article125213070/Grossvereine-wollen-HSB-Praesident-Ploss-stuerzen.html
8. http://www.abendblatt.de/sport/article125213070/Grossvereine-wollen-HSB-Praesident-Ploss-stuerzen.html
9. http://www.abendblatt.de/hamburg/article129519462/Sportbund-Praesident-Guenter-Ploss-vor-Rueckzug.html
10. http://www.abendblatt.de/hamburg/article129601190/Gute-Noten-fuer-Olympia-Engagement.html
11. http://www.abendblatt.de/sport/welt-des-sports/article129230009/Senat-gibt-mehr-Geld-fuer-den-Hamburger-Sport.html
12. http://www.abendblatt.de/hamburg/article129601190/Gute-Noten-fuer-Olympia-Engagement.html

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