NOlympia Hamburg proudly presents… Neumanns Figuren Ballett

Rathaus-ModellHeute mit Diskurs-Werfer Michael Neumann
Warum die Hamburger Olympia-Bewerbung nicht mal sportlich nehmen? Von erfolgreichen Trainer/innen wissen wir, dass die Analyse des Gegners für die eigene Spieltaktik enorm wichtig sein kann. Nehmen wir uns heute den Hauptpromoter der Olympiade vor, Michael Neumann, und analysieren seine typischen Spielzüge und Diskurs-Figuren. Bei seinem Auftritt im Haus des Sports zeigte der hemdsärmelige Innensenator jedenfalls schon eine Menge Tricks, die wir Euch hier nicht vorenthalten wollen.

Figur 1: Hamburg schließt zur Europäischen Spitze auf

Für Investor/innen ein Traum, für Anwohner/innen ein Horror: Hamburgs Platz im internationalen Städteranking. Die Olympischen Spiele seien die Chance, damit die Stadt Hamburg endlich die Größe und Anerkennung erhält, die sie sich als „schönste Stadt der Welt“ schon lange herbeisehnt. Diese oberflächliche Ranking-Leistungsschau ist Neumanns leichteste Übung. Hier und da fällt das Wort „Barcelona“ und der Hinweis, dass die Olympischen Spiele schon aus ganz anderen verschlafenen Hafenstädte boomende Metropolen gemacht hätten. Auch Londons Postolympia-Zeiten seien rosig, ja, ein echtes Paradies, zumindest für diejenigen, die sich das Leben in der Stadt leisten können.

Figur 2: Ist doch alles schon da!
Diese Figur kommt relativ häufig bei Promotern von Großevents vor. Sie ist das Ritalin, das Skeptiker/innen ruhig stellen soll. Von Sportsenator Neumann wird diese Figur in klassischer Weise interpretiert: Hamburg habe bereits jetzt schon 30 olympische Wettkampfstätten von 35 benötigten, es sei quasi schon alles da. Dass von den 30 Stätten viele enorm sanierungsbedürftig sind, musste er vor den anwesenden Sportfunktionären wohl oder übel zugeben. Eine Vielzahl müsste man – um sie an olympischen Standard zu bringen – teilweise komplett neu anlegen, gekoppelt mit einer aufwendigen Verkehrs- und Sicherheitsinfrastruktur rund um die Sportstätten. Ach ja. Da wären ja noch die fünf fehlenden Stadien, darunter die großen Wettbewerbsarenen für Leichtathletik und Schwimmen, aber dies sei doch ein Klacks für so eine ambitionierte Sportstadt wie Hamburg.

Figur 3: Nachnutzungsvisionen oder die indische Hochzeit
Bleiben wir noch ein wenig beim Klacks „Stadionbau“; Von Figur 2 geht es in einem Flow über zu Figur 3, der Nachnutzung. Weiße Elefanten, also ungenutzte Stadien wie beispielsweise nach der WM in Südafrika, möchte niemand so gern in seiner Stadt haben. Das weiß auch der Sportsenator und hat schon sympathische Nachnutzungs-Beispiele im Gepäck. In London wird ein Stadion als Wedding-Hall von indischen und pakistanischen Großfamilien genutzt, diese sei bis Ende nächsten Jahres ausgebucht. Hier lacht das Publikum verständig, denn multikulturell Hochzeit feiern kommt gut an. Wow, eine tolle Idee, finden auch wir. Hamburg hat zwar keine vergleichbare indische Community aber wie wär’s, wenn Lampedusa-Flüchtlinge die Stätten nachnutzen würden?


Figur 4: Ruck Zuck Rückbau

Bei jeder Olympiade gibt es Sportstätten und andere Bauprojekte, die die Welt danach nun wirklich nicht mehr braucht. Hier lautet das Zauberwort „Nachhaltige Spiele“ oder – O-Ton Neumann – „hanseatisches Understatement“. Dies verbinde uns mit den Londonern, die ihre Olympischen Spiele ebenfalls mit dem Nachhaltigkeitsstempel versehen hatten. Ganze Stadien könne man auf eine nutzbare Größe zurückbauen. Auch die rund 30 olympischen Trainingsorte könnten danach für alle Hamburger/innen da sein. Verschwiegen werden dabei z.B. die etwa 8 Millionen Besucher/innen, die in über 42.000 Hotelzimmern olympisch schlafen wollen und der insgesamt gigantische Flächenverbrauch, der viele städtische Parks und Grünflächen schlucken wird. In der hier vorgeführten Diskursfigur „Nachhaltige Spiele“ werden sich viele faule Eier verstecken. Es ist also kein Wunder, dass der Senator bisher nicht mit genaueren Olympia-Plänen rausrücken mag.

Figur 5: Olympia als Katalysator für tolle Stadtentwicklungsprojekte
U-Bahn-Stationen für Wilhelmsburg und andere benachteiligte Stadtteile, jede Menge neuer Wohnungen in einer von Wohnungsnot geplagten Stadt, keine Staus mehr, Top Stadien, ein Olympia-Park auf der Elbinsel – die Liste der Geschenke, die Neumann im Zuge des Jahrhundertprojekts Olympia verteilen will, ist lang und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Sollte man aber, denn im Rachen des Tiers verstecken sich Mietsteigerungen, die Privatisierung öffentlicher Flächen, eine weitere Verschuldung Hamburgs, Steuererhöhung, Kürzungen von Sozialleistungen und andere Grausamkeiten, die man dann hinnehmen muss, da der IOC-Gaul nun mal bei uns zu Gast ist.

Figur 6: Wer redet hier von Berlin?

Dies ist eine Lieblingsdiskursfigur von Sportsgeist Neumann. Sie wird gerne gezeigt, um sich gegenüber dem sich zeitgleich bewerbenden Mitstreiter Berlin zu positionieren. Berlin sei (unter uns gesprochen) großspurig und überheblich, dies könne uns bescheidenen Hanseaten nun wirklich nicht passieren. „Wir trainieren für Olympia“, heißt der sympathische Slogan, den auch Neumann super findet. Hamburg habe sich bescheiden auf den Weg gemacht, fern vom überkandidelten Hauptstadtgetöse. Und ob es Berlin überhaupt schafft, seinen Flughafen rechtzeitig zur Olympiade fertig zu stellen…?, mögen sich bereits die ersten Zuhörenden fragen. An dieser Stelle schlägt das hanseatische Herz ein wenig höher. Wie beruhigend zu wissen, dass Hamburg so ein gutes Händchen für Großprojekte hat.

Figur 7: Die Kosten? Du Kleingeist!
Nun kommen wir zur Neumannschen Kür: die dreifach gesprungene Kostenspirale. Setzen wir – wie Neumann – die Latte mit einer Mrd. Euro mal niedrig an, die gelte es nun zu nehmen. Teilen wir diese Kosten durch 10 Jahre, dann sind wir schon bei der harmlosen Summe von 100 Millionen Euro. In der Regel teilen sich bei Großprojekten Bund, Land und Stadt die Kosten jeweils zu einem Drittel. Unfair, finden wir Hanseaten, da wir als Stadtstaat dann 2/3 wuppen müssten. Nun kommt der tollkühne Trick: Neumann geht davon aus, dass der Bund nahezu alle Kosten tragen wird, schließlich gehe es um den Ruf Deutschlands. Man dürfe sich hier keine Illusionen machen, entweder fließt das Geld nach Berlin oder es landet in Hamburg. Nun ja, klassischer Weise wäre ja die Hauptstadt der Austragungsort für eine Olympiade, sagt Neumann, aber … ihr wisst schon … Berlin… Diese Figur wird musikalisch untermalt mit dem wiederkehrenden Mantra: „Olympia auf Pump wird es nicht geben.“

Figur 8: Das Volk möge entscheiden, die Kritiker mögen schweigen

Gegen den Willen der Bürger/innen lassen sich in modernen Zeiten keine Olympischen Spiele mehr austragen. Dies ist auch den Hamburger Olympia-Verfechter/innen klar. Also wird Bürgerbeteiligung und Volksentscheid flux zur Bedingung gesetzt, damit sich die Stadt überhaupt bewerben wird. Neumann spricht davon, dass man die „Bürger mitnehmen“ und mit „olympischer Begeisterung anstecken“ müsse. (Wir erinnern uns an das passende Motto des letzten Bewerbungsversuchs „Feuer und Flamme für Hamburg“). Putzig nun dieser erste Trainingsversuch in Partizipation. Seit ein paar Tagen gibt es die Einladung an die Hamburgerinnen und Hamburger, sich und ihre Ideen zu Olympia einzubringen. Alles soll ergebnisoffen sein, wie bereits die erste Frage belegt: „Warum will Ihre Stadt die Olympischen und Paralympischen Spiele ausrichten?“. Auch die Antworten der engagierten Bürger/innen sind leider nicht öffentlich einsehbar, sondern werden direkt in den Fleeten der Stadt versickern. Allenfalls ausgewählte Ideen werden sich sicherlich in Zukunft in der einen oder anderen Olympia-Broschüre wiederfinden lassen.

Bei der Figur 8 läuft insgesamt alles auf das entscheidende Finale hinaus, nennen wir es den „Großen Olympischen Entscheid“. Alle Bürger/innen dürfen mitmachen und ihr Kreuzchen bei „Ja“ oder „Nein“ setzen. Praktischer Weise wird dies an die nächste Bürgerschaftswahl gekoppelt. Vorher muss noch das Lex Olympia verabschiedet werden, das solche Volksentscheide von oben überhaupt erst ermöglicht. Dass es zum Zeitpunkt des Bürgerentscheids lediglich ein Bewerbungskonzept der Stadt Hamburg geben wird und nicht das vom IOC später umgesetzte Konzept ist, macht das Ganze zum partizipativen Luftsprung: Höher, weiter, uninformierter.

Figur 9: Paralympics als Meilenstein für Inklusion

Diese Figur ist kompliziert und als reines Schauelement nicht zu empfehlen. Neumann bringt sie dennoch. So würde in London niemand mehr Krüppel sagen, der 2012 die Leistungen der paralympischen Sportlerinnen und Sportler miterlebt habe und auch Neumann verbeuge sich vor dieser Leistung. Unumstritten ist Inklusion auch und gerade im Sport ein Menschenrecht und sollte in dieser reichen Stadt – ob mit oder ohne Olympia – selbstverständlich sein. Ob aber gerade dies durch olympische Mega-Arenen in der notwendigen Breitenwirkung erreicht wird, ist mehr als fraglich.

Figur 10: Hamburg rettet die Olympische Idee

Wir müssen zugeben, diese Figur hat auch uns sehr überrascht. Der korrupte IOC hat sich schon lange disqualifiziert und selbst die Bayern wollen nicht mehr mit ihm spielen. Als profitorientierter Konzern geht es dem IOC darum, die Milliardeneinnahmen aus den Olympischen Spielen zu privatisieren, während die austragenden Länder auf den Kosten hängen bleiben. Nicht gerade ein Fairplayer also, dies wissen auch viele Bürger/innen. Kein Wunder also, dass derzeit nur noch Diktaturen und größenwahnsinnige Schwellenländer Olympia austragen wollen.

Und hier kommt nun Hamburg ins Spiel. Man stelle sich den Sportsenator hier in einem blau-roten Heldenkostüm vor, denn – Attention – Hamburg rettet die olympische Idee! Es geht darum, so Neumann, den Ursprungsgeist von Olympia neu zu entfachen: Völkerverständigung, Fairness und Weltfrieden – alles liegt nun in Hamburgs Händen. Verständlich, dass bei dieser Diskurs-Figur kaum ein Auge trocken bleibt. „Hamburg – Mut zu Visionen“ heißt nicht umsonst Neumanns Bestseller aus dem Jahr 2010.

Figur 11: Der Umgang mit Kritik oder wie lassen wir den Hasen wieder verschwinden?

Diese Figur werden wir öffentlich eher selten zu sehen bekommen, denn sie besteht darin, möglichst nicht ausgeführt zu werden. Es ist die Nummer mit dem Hasen, der plötzlich auftaucht und dann wieder im Hut verschwinden soll. Als jemand im Haus des Sports – ein sicherlich mehrheitlich Olympia-nahes Publikum – anführte, dass es aber in der Bevölkerung viele Bedenken und Vorbehalte gegen Olympia gäbe, hat der Sportsenator bereitwillig seinen Zaubertrick erläutert. Indem wir selbst immer wieder sagen, dass die Bürger gegen Olympia eingestellt sind, gibt man ihnen den Eindruck, sie hätten auch einen Grund, kritisch zu sein. So werden Realitäten geschaffen. Der Tipp vom Profi: Möglichst nicht von den Kritiker/innen reden. Interessant an dieser Spiel-Strategie ist, dass die SPD Olympia ergebnisoffen prüfen will. Kritik, Einwände und Gegenargumente verschwinden so mit allerhand Zaubertricks im schwarzen Hut.

11 Figuren – 11 Spielzüge um die Spiele nach Hamburg zu holen. Wir wünschen euch viel Freude beim Sichten der einen oder anderen neumannschen Diskurs-Figur und freuen uns über Rückmeldungen, wenn ihr welche wiedererkennt oder auch neue entdeckt. Hinweise bitte an: Kontakt@nolympia-hamburg.de

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