Nach dem Olympia-Aus: Hamburger Sportchef beschimpft WählerInnen als uninformierte, irrationale Bauch-Bürger

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Hamburgs Sportchef Mantell (SPD, rechts) beschimpft nach dem Nein zur Olympia-Bewerbung die WählerInnen und stellt direkte Demokratie in Frage.

Wenn Demokratie nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt, dann lässt man die besser sein. Etwa so und nur wenig zugespitzt könnte man die Reaktion des Hamburger Sportbund-Chefs Jürgen Mantell (SPD) im Abendblatt auf das Nein der HamburgerInnen zur Olympia-Bewerbung zusammen fassen. Sportlich geht anders, möchte man da sagen. Doch Mantell folgt einer Argumentation auch aus der Handelskammer. Bereits in seiner Neujahrsrede zu 2014 warnte der HK-Chef davor, dass Volksbefragungen das Parlament und den Senat entmachten. Ganz im Sinne der HK reagiert auch der Chefredakteur der Olympia-Werbe-Tageszeitung Abendblatt: „Jetzt stellt sich die Frage, welche Rolle der Senat und die repräsentative Demokratie bei den wichtigen Entscheidungen noch spielen.“ Da muss man den Bürgermeister Scholz loben. „Wer für direkte Demokratie ist, muss auch mit der möglichen Konsequenz leben, dass ein Ergebnis zustande kommt, das man sich nicht gewünscht hat.“ Er unterstreicht auch: „Ich glaube, dass die Deutschen mutiger sind, als dies gemeinhin behauptet wird. Ich will da optimistisch bleiben.“ (ebenfalls Abendblatt)

  • Die Rede des Handelskammer-Chef zum Jahreswechsel 2014 kommentierte ich im Januar 2014 in meinem Blog umweltFAIRaendern.de. In dieser Rede forderte Präses Fritz Horst Melsheimer den Senat zur Olympia-Bewerbung auf und kritisierte massiv, dass „Parlamente und Verwaltung zugunsten direkter Demokratie und Gerichten mehr und mehr Gestaltungsspielraum verlieren“. Als Beispiele für diese „Gewichtsverlagerung innerhalb der Gewaltenteilung“ nannte er den Volksentscheid zur Rekommunalisierung der Energienetze „Unser Hamburg –  Unser Netz“ und die Klage gegen die geplante Elbvertiefung bzw. das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Handelskammer Hamburg: Volksentscheide und Gerichte untergraben Parlamente. Die Rede steht hier zum download bereit (PDF).

Im Abendblatt ist sich der Präsident des Hamburger Sportbundes (HSB) Jürgen Mantell (SPD) nicht zu schade, nun das Instrument des Referendums bzw. von Bürgerentscheiden in Frage zu stellen. Es ist schon mehr als dreist, dass der ehemalige SPD-Bezirksamtsleiter das Volk für annähernd dumm erklärt, denn nur so kann er sich offenbar das Nein zur Olympia-Bewerbung erklären.

Im Abendblatt ist zu lesen: „Alle diejenigen, die dagegen sind, und die Fragen hatten, hätten sich ja informieren können“, sagte Mantell beim Fernsehsender Hamburg1. „“Mein Eindruck ist: Sie haben sich nicht informiert. (…) Und dann muss man auch darüber nachdenken, was denn eigentlich das Verhältnis zwischen unserer parlamentarischen Demokratie ist und was Volksentscheide anbelangt.“ Und weiter: „Ich kann das sagen, auch wenn ich hier als Sportbundpräsident bin, aber ich habe früher gekämpft für direkte Demokratie. Ich habe das Gefühl, wir müssen darüber nachdenken, ob nicht der Eindruck entsteht, als ob die direkte Demokratie eine rationalere Entscheidung ermöglicht als der abwägende, transparente Prozess in den Parlamenten. Diese Entscheidung hier war eine, die war nicht rational geprägt, sondern sie war aus dem Bauch geprägt, aus einer Antihaltung gegenüber allem, was der Staat macht, und das macht mich traurig.““

Diese Reaktion ist schlicht und einfach skandalös und von einer unglaublichen Mißachtung gegenüber den WählerInnen geprägt. Es wäre zu wünschen, wenn nicht nur im Hamburger Sportbund dieser Vorsitzende aufgefordert wird, derartig abfällige Wählerbeschimpfungen umgehend einzustellen und sich dafür mindestens bei den HamburgerInnen zu entschuldigen!

10 Gedanken zu “Nach dem Olympia-Aus: Hamburger Sportchef beschimpft WählerInnen als uninformierte, irrationale Bauch-Bürger

  1. Es gibt gute und schlechte Verlierer. Mehr ist dazu nicht zu sagen und damit es es dann auch gut.

    Mein Rat: Letztere sollten jetzt erstmal auf den Weihnachtsmarkt gehen, einen leckeren Glühwein trinken und sich neue Ziele stecken. Der Weltuntergang der Demokratie kommt nicht, auch wenn es jetzt unter dem Eindruck der Wahlniederlage herbeigeredet wird. Die Schweizer schütteln darüber nur den Kopf. Ich auch.

  2. Sehr geehrter Herr Fritz Horst Melsheimer und Herr Jürgen Mantell die meisten der Hamburger haben sich informiert ob das Vorhaben gut oder schlecht für die Hamburger ist. Sie wurden auch nicht aus öffentlichen Steuergeldern oder Mitgliedsbeiträgen bezahlt so wie sie beide. Bei einem Ja für die Olympiabewerbung währen nicht nur auf Jahre hinaus Gelder verplant und gebunden worden sondern es gab auch keine Garantien für die Zusage und die Finanzierung durch Hilfen vom Bund hätten Finanziert werden können. Lasst doch die Wirtschaft und die Banken entscheiden ob sie so eine Olympiade Finanzieren würden OHNE STEUERGELDER. Da wird das nein bei über 90% liegen.

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  4. Der olympische Gedanke spielt schon lang keine Rolle mehr. Wann kapieren die Funktionäre endlich, dass die Zeit für solche Großveranstaltungen in aufgeklärten und demokratischen Gesellschaften abgelaufen ist?

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  6. Also ich hab das als Österreicherin nur aus der Ferne beobachtet… muss aber dennoch hier etwas sagen was mich sehr stark verwundert. Wir hatten in Österreich mehrmals die Entscheidung betreffend Winterspielen zu treffen. Wir stimmten meistens zu auch wenn es nicht kritiklos blieb aber es war immer ein supertolles Sportereignis dass auch viel für Image und die Kasse brachte. Es ist auch Tradition bei uns! Daher verstehe ich ehrlich gesagt das Nein der HamburgerInnen zur Olympia-Bewerbung nicht so ganz! Aber untergehen wird die Demokratie deshalb auch nicht. Finds einfach nur schade

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  8. Lach…..“plötzlich“ soll also Parlament ein Ort von Transparenz, Debating, Demokratie, Unabhängig, Ratio, etc pp sein……..?
    Obwohl in den letzten 30 Jahren der Untergang der Parlamente und deren PolitikerKaste beobachtet werden konnte – ja von der Couch aus………
    soll also jetzt als Gegenstück vom Fußvolk urplötzlich hier der Ort der Demokratie sein?

    Es gab also kein WM 2006 Bestechungsskandal? Es gibt keine NSA, keine Drohnenkriege von „dt. Poden“ aus?…..Es gab nie TTIP Hinterzimmerverhandlungen, es gab nie externe Bank oder Firmen Mitarbeiter die über Jahre abgestellt Gesetze formulierten? Es gib fast gar kein Lobbyismus, keine sogenannten Politikberater……
    „plötzlich“ ist also das Parlament ein Hort der unabhängigen, nur dem Gewissen und ihren Wählern und dem Gemeinwohl verpflichteten „Angestellten des Staates“?
    Wenn es nicht so desaströsen und traurig wäre könnte man sich ob des Possenspiels am Poden kringeln vor Lachen!

    Unser Land geht unter, weil an vielen Entscheiderstellen unterbelichtete immer debiler werdende Pappfiguren sitzen!

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