Haltbarkeitsdatum 29.11.: Hamburg stellt sein „Sicherheitskonzept“ vor

Hochsicherheitstrakt Olympisches Dorf: London 2012. Foto: S. Bauriedel

Hochsicherheitstrakt Olympisches Dorf: London 2012. Foto: S. Bauriedel


Guckt man sich die Pläne der Olympischen Stätten an, die der Hamburger Senat derzeit seinen Bürger/innen präsentiert, dann fällt vor allem eins auf: Sie haben nichts mit der olympischen Realität zu tun. Da schlendern Besucher/innen munter durch das Olympische Dorf. Zäune gibt es nirgendwo und man sieht auch kein Militär und keine Polizei, die den Zugang kontrollieren. Alles so schön peacig und offen hier – so die Botschaft. Dabei ist den Planenden klar, dass sich von Olympischen Spielen zu Olympischen Spielen die Sicherheitsvorkehrungen jeweils verschärfen. Dies wird auch für die Spiele 2024 nicht anders sein. Vor dem Hintergrund ist das, was uns der Senat vor ein paar Tagen als „Sicherheitskonzept“ präsentiert hat, eine PR-Nebelbombe: „Sichere Spiele, aber keine Sicherheitsspiele“, so das kollektive Wording, das uns Hamburger/innen ruhig stellen soll. Hört sich gut an, sagt aber nix aus.

So vermeldet Bernd Krösser, Staatsrat der Innenbehörde, Folgendes gegenüber dem NDR, er rechne mit: „10.000 zusätzlichen Beamten, pro Schicht sollen 2.500 Polizistinnen und Polizisten eingesetzt werden. Die Sicherung des Hafens soll von der Wasserschutzpolizei durchgeführt werden. Bei der Luftraumüberwachung werde man auf technische Hilfeleistung der Bundeswehr zurückgreifen, die beispielsweise auch im Sanitätsdienst für eine logistische Unterstützung vorgesehen ist. Zum Einsatz werden zudem private Sicherheitsdienste kommen.“

Wie mit diesem anvisierten Kontingent die Vorgaben des IOC zu schaffen sein sollen, das lässt Krösser ebenso offen, wie die Frage, wie der Senat sich das Sicherheitskonzept rund um die Sportstätten konkret vorstellt. Vorab war schon im Juni bekannt geworden, dass Hamburg plant massiv Videoüberwachung einzusetzen und dass man mit Kosten von über eine Milliarde Euro zu rechnen habe. Aber auch hier rudert der Senat zurück, denn Zahlen oder gar verlässliche Informationen könne und wolle man noch nicht präsentieren. Eher nebenbei erfahren wir, dass es auch in Hamburg Olympic Lanes geben wird: Das sind Extra-Autospuren für IOC-Funktionäre, die quer durch die Stadt gehen, alle Stadien verbinden und die Funktion haben, dem IOC eine freie Fahrt zu bescheren. Wo die Olympic Lanes genau in Hamburg verlaufen sollen, wird sicherlich noch vor Ende November präsentiert werden.

Wie immer lohnt sich auf bei Sicherheitsfragen ein Blick nach London: Dort gab es z.B. einen kilometer langen vier Meter hohen Elektrozaun rund ums Olympische Dorf und den olympischen Park. Schon bei der ersten Präsentation der Hamburger Entwürfe vor einem Jahr stellte der NDR die kritische Frage: „Den Bürgern freilich sollte klar sein, dass ein effektives Sicherheitsprogramm mehr ist als eine Kröte, die sie einfach nur zu schlucken haben. Denn so prächtig, wie es die Pläne verheißen, wird auch die Olympic City letztlich nicht aussehen. Wer meint, beispielsweise auf dem Weg zum Olympiastadion durch das Olympische Dorf schlendern zu können und dort vielleicht einen Olympiasieger zu treffen, sollte sich von diesem Gedanken schleunigst verabschieden. Das war noch nie so. Warum also erwecken die Entwürfe im Hamburger Konzept diesen Eindruck?“ Jetzt ein Jahr später wird immer noch der Eindruck erweckt, dass die Wasserschutzpolizei so nebenbei auch noch das Olympische Dorf mit überwacht und man nur ein paar Sanitäter von der Bundeswehr ausleihen müsste. Für alle, die sich mit dem Ausmaß der Sicherheitskonditionen rund um Olympische Spiele beschäftigen wollen, sei der Artikel Olympia heißt (noch mehr) Überwachung! empfohlen. Kleiner Vorgeschmack gefällig?

„London hatte während der olympischen Spiele 2012 Helikopter der Royal Air Force im Einsatz und Kriegsschiffe auf der Themse postiert. Ein 11 Kilometer langer und 4 Meter hoher, mit Nato-Draht, Flutlicht und Überwachungskameras gesicherter Zaun umgab das Gelände des Olympischen Parks, streckenweise mit einer Spannung von 5.000 Volt geladen. An den Eingängen wurden Checkpoints mit Fahrzeugbarrieren, biometrischen Kontrollen, Personenscannern sowie Soldat_innen zu Taschenkontrollen eingesetzt. Drohnen kreisten über den Stadien und Eurofighter waren in Alarmbereitschaft. Die ca. 50.000 eingesetzten, privaten Sicherheitsleute erhielten per Gesetz Polizeibefugnisse, 13.000 Soldat_innen waren zur Sicherung eingesetzt. Flugzeugträger wurden in der Mündung der Themse stationiert, Flugabwehrraketen auf den Dächern von Privathäusern im Umfeld des Olympischen Parks installiert. Sämtliche Proteste dagegen wurden abgewehrt und der Ausnahmezustand – auch juristisch – zum gültigen Recht erklärt. Dieses Szenario wurde in Sotschi noch übertroffen: Straßensperren wurden schon Wochen vor den Spielen errichtet, Überwachungssatelliten, Drohnen und Boden-Luftraketen waren im Dauereinsatz und das Kontingent an Soldat_innen war im Vergleich zu London mit 37.000 Soldat_innen nahezu doppelt so groß.“

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