Grüße nach Paris & Lausanne: Warum Olympische Spiele in Hamburg keine gute Idee sind…

Olympia - Ein Blick hinter die glänzende Fassade. (KoS)

Olympia – Ein Blick hinter die glänzende Fassade. (KoS)

NOlympia Hamburg wird international. Vor ein paar Tagen hat uns eine Anfrage von Kévin Bernadi aus Paris erreicht, der für seinen Blog Sport & Société ein Interview mit Olympia-Kritikern aus Hamburg führen wollte. Gerne habe ich zugesagt. Die Antworten sind hier nachlesbar. Wir freuen uns über die Verbreitung der Kritik ins französischsprachige Ausland, nicht zuletzt auch dewegen, damit es das IOC mit Sitz in Lausanne direkt erreicht. Auf Französisch heißt das IOC Comité International Olympique, also CIO. Das Interview trägt den Titel: „Le CIO est atteint par la mégalomanie, le manque de transparence et la corruption“ (Das IOC ist geprägt von Gigantomanie, Intransparenz und Korruption). Wie aktuell dieser Titel ist, zeigt ein Streit zwischen IOC-Präsident Thomas Bach und Marius Vizer, Präsident aller Sport-Weltverbände. Vizer wirft dem IOC vor, „abgelaufen, veraltet, falsch, unfair und überhaupt nicht transparent“ zu sein, wie der Spiegel berichtet. Anbei folgt für diejenigen, die nicht französisch-sprachig sind, die deutsche Fassung des Interviews mit Sport & Société.

Im März hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Hamburg im Gegensatz zu Berlin für die deutsche Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2024 ausgewählt. Was halten Sie von dieser strategischen Entscheidung?


Nicole Vrenegor
: Die Austragung der Olympischen Spiele ist für jede Stadt eine Belastung und kein Geschenk. Aus diesem Grund wünsche ich keiner Stadt den Zuschlag für die Bewerbung um Olympische Spiele, da es der erste Schritt in die falsche Richtung ist. Sicherlich hätte Berlin gewisse Vorteile gehabt. Die Hauptstadt verfügt über eine bessere Infrastruktur, hat die benötigte Anzahl von Hotelbetten und kann insgesamt mehr Erfahrungen in Bezug auf die Ausrichtung von Sportgroßevents nachweisen. Der DOSB hatte einfach Angst vor den Berlinerinnen und Berlinern, die als kritisch und rebellisch gelten. Hamburg als reiche und etwas behäbige Hansestadt erschien ihnen wohl der bessere Kandidat zu sein, um die Referendumshürde zu schaffen.

In der letzten deutschen Olympia-Kampagne (München 2022) war die Opposition besonders virulent und schaffte es, die Mehrheit beim Referendum im November 2013 zu überzeugen. Was begeistert Sie heute an dieser Bewegung?

In München war man sich von offizieller Seite zunächst äußerst sicher, dass die Bevölkerung olympiabegeistert sei. Zu Beginn gab es Zustimmungsquoten von 75 Prozent. Je mehr jedoch die Zahlen und Fakten auf den Tisch kamen, umso mehr schwand die Begeisterung. Die Olympia-Gegnerinnen und Gegner haben eine sehr fundierte Informationsarbeit geleistet: Was bedeutet das Großevent für unser Leben? Wer profitiert und wer verliert? Was sind die negativen Auswirkungen auf die Umwelt? Was sind die finanziellen Risiken? Wir stehen bereits jetzt in Kontakt mit dem Nolympia-Bündnis in München und profitieren von deren Wissen und Erfahrungen. München und ganz Bayern haben vorgemacht, wie Olympia verhindert werden kann, und Hamburg macht’s nun nach.

Hamburg setzt auf die Spiele, um das Hafenviertel Kleiner Grasbrook zu revitalisieren. Finden Sie es nicht ratsam, die Vorteile eines solchen Ereignisses, wie die öffentliche Aufmerksamkeit, zu nehmen, um einen zentralen Bereich der Stadt zu sanieren? Was schlagen Sie stattdessen für das brachliegende Viertel vor?

Spätestens seit den Olympischen Sommerspielen von Barcelona wird versucht, mit Olympia Stadtentwicklung zu machen. Das hört sich oberflächlich toll an: Wir nutzen das Event, um in der Stadt Projekte anzugehen. Fakt ist, dass dadurch ein enormer Zeit- und Kostendruck geschaffen wird, denn am Tag X, der Eröffnung der Spiele, muss alles fertig sein – koste es, was es wolle. Olympiaplanungen sind also immer Top-Down-Planung. Klar ist auch: Hamburg als relativ kleine Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern braucht keine 30 olympische Stadien – weder heute noch 2024. Hier herrscht Wohnungsmangel und kein Stadionmangel.

Ich finde es richtig zu überlegen, was in Zukunft mit dem Kleinen Grasbrook geschehen soll. Die jetzigen Pachtverträge laufen bis 2028 nach und nach aus. Die teuren Ausgleichszahlungen an die Hafenfirmen, die bei vorzeitiger Kündigung der Verträge anfielen, entfallen dann und es könnte dort Wohnraum entstehen und zwar viel mehr als die nun versprochenen 6.000 Wohnungen. Lasst uns also als Bewohner dieser Stadt in Ruhe überlegen, wie das Hamburg der Zukunft sein soll. Dies ohne das IOC und den mit ihnen verbandelten Sponsoren und Investoren, die im Zuge von Olympia hier auf Schnäppchensuche gehen würden.

Haben Sie eine Schätzung der Kosten, die die Organisation von Hamburg Games darstellen kann?

Die Stadt rückt bisher nur ungern mit Zahlen raus und es wird mit vielen Unbekannten geplant. Grob sollen die Spiele insgesamt 6,5 Milliarden Euro kosten. Wie das möglich sein soll, ist mir ein Rätsel. Hamburg verfügt über kein einziges olympiataugliches Stadion und die Verkehrsinfrastruktur ist katastrophal. Weder Flughafen noch Hauptbahnhof wären für den olympischen Besucherandrang gewappnet. Vom Flughafenneubau aus Berlin wissen wir, dass solche Megaprojekte von Planungspannen und Kostenexplosionen geprägt sind. Und nicht zuletzt ist die Hamburger Elbphilharmonie für 789 Millionen Euro uns ein Mahnmal: Augen auf beim Olympiakauf!
Allein die Erschließungskosten der Insel Kleiner Grasbrook sind immens. Es ist ein vom öffentlichen Nahverkehr unerschlossenes Industriegelände, dessen Böden äußerst belastet sind. Die dort ansässigen Hafenfirmen wollen 5-7 Milliarden Euro für den Umzug haben und neue Flächen zu vergleichbaren Traumkonditionen. Bisher ist die Insel städtisches Grundstück, das im Zuge von Olympia nun privatisiert werden soll. Auch hier bezahlt die Stadt einen hohen Preis.

Was ist Ihre Sicht auf die jüngste Verabschiedung der Olympischen Reform Agenda 2020? Was halten Sie von den in dem Programm enthaltenen 40 Maßnahmen?

Das IOC steht für Gigantomanie, Intransparenz und Korruption. Die so genante Reform ist keine, weil die Struktur des IOC selbst nicht in Frage gestellt wird. Das IOC ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Wenn man sich die 40 Maßnahmen genau anguckt, dann sind viele davon reine Absichtserklärungen ohne bindenden Charakter. Vieles sollte zudem für demokratische Institutionen selbstverständlich sein, wie dass Sportler nicht aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Präferenz diskriminiert werden dürfen.

Da, wo konkret etwas versprochen wird, wie die Offenlegung der Host-City-Verträge, folgt direkt die Einschränkung: Es betrifft nur die Teile, die nicht die Interessen Dritter berühren. Also wieder keine wirkliche Transparenz. Nach wie vor trägt die austragende Stadt das volle finanzielle und organisatorische Risiko, während das IOC die Profite mit nach Hause nimmt.

Heute ist der stärkste Widerstand gegen Olympia in Boston (USA). In den letzten Monaten befanden sich die Umfragwerte auf einer Talfahrt (von 51% Unterstützung im Januar auf nur noch 36% im März). Haben Sie Kontakt zu den Oppositionsgruppen, gibt Ihnen das Inspiration für Ihr Handeln und können Sie sich eine Koordination Ihrer Aktionen vorstellen?

Wir verfolgen die Ereignisse in Boston intensiv und freuen uns über das, was die Oppositionsbewegung in den letzten Monaten erreicht hat. Mit einigen Aktiven stehen wir im Mailkontakt und dies wird sich sicherlich in den nächsten Monaten noch verstärken. Und hier schon mal die herzliche Einladung an eine Pariser Oppositionsbewegung in Gründung: Bienvenue!

Boston, Hamburg, Rom und Paris sind schon im Rennen um die Olympischen Spiele 2024. Budapest und Istanbul könnten sich auch bald auf diese Liste wiederfinden. Was denken Sie ist die Stadt, die die Spiele im Jahr 2017 erhalten könnte?

Es ist ja immer reine Spekulation, wer letztlich den Zuschlag bekommt. Viel wird im Hintergrund mit dem IOC verhandelt und gedealt, von dem wir nichts wissen. Nicht immer gewinnt der vermeintlich beste Kandidat, wenn man sich die Vorliebe des IOC für undemokratische Länder und Diktaturen anguckt. Meine Vision wäre, dass das IOC 2017 gar nicht mehr die Spiele vergeben wird, da es bis dahin aufgrund des öffentlichen Drucks abgeschafft und durch eine gemeinnützige, internationale Organisation ersetzt wurde. Das wäre mein Olympischer Traum!

Nicole Vrenegor ist Diplompolitologin, bloggt auf Nolympia-hamburg.de und ist aktiv in der Gegenbewegung, die sich auf etwasbesseresalsolympia.org vernetzt.

Foto: By KoS (Own work), via Wikimedia Commons

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