Alles richtig gemacht und gescheitert – Soziale Motive des Neins zu Olympia

20150731_wer-hat-die-machtSie haben alles richtig gemacht – und doch verloren. Aber das lag an anderen. So in etwa ist eine Woche nach dem Olympia-Referendum im wesentlichen das Fazit derjenigen, die Olympische Spiele nach Hamburg holen wollten. In Hamburg suchen FDP und CDU die Schuld bei Bürgermeister Scholz und dem rot-grünen Senat. Der DOSB verweist auf seiner ehemals als Jubelfeier geplanten Tagung am Samstag in Hannover vor allem (Deutschlandfunk) auf die FIFA und den DFB. Ansonsten aber, so der DLF: „Selbstkritik übte er bei der Mitgliederversammlung in Hannover kaum“. Dass sich viele Menschen möglicherweise einfach sorgen machten, dass Olympia in Hamburg die Mieten und die Stadt teurer gemacht hätte, taucht in den Betrachtungen nirgends auf.

„Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes attackiert die Sportfunktionäre Digel, Zwanziger und Blatter. Alfons Hörmann wirft ihnen mangelndes Verantwortungsbewusstsein vor,“ schreibt die FAZ. Sicherlich interessant, dass Hörmann die Namen Beckenbauer und Niersbach nicht erwähnt.

Jens Meyer-Wellmann schreibt in seinem Blog (und im Abendblatt): „Olympia? War da was? Wie Olaf Scholz sein größtes Debakel schönredet“. Da wird vor allem der fehlenden Finanzierung großer Stellenwert beigemessen und eingeordnet, was sie war: Ein Zahlenwerk ohne ausreichende Fundierung.

Und auch der IOC-Chef Thomas Bach hat seine eigene Art, mit dem Ergebnis des Referendums in Hamburg umzugehen, wie das Handelsblatt berichtet: „Für IOC-Präsident Thomas Bach ist das Nein der Hamburger Bürger zu Olympischen Spielen 2024 kein Rückschlag für seine Reform-Agenda 2020.“ Das Blatt schreibt: “ „Es hat beim Referendum sehr spezielle Umstände gegeben. Das war die Frage der Finanzierung, das ist keine Agenda-Frage, das war die Flüchtlingsproblematik in Deutschland, das ist keine Agenda-Frage und das waren die Ängste nach dem Attentat von Paris. Das ist auch keine Agenda-Frage“, sagte der deutsche IOC-Chef in Stuttgart am Rande der Verleihung der Reinhold-Maier-Medaille durch die FDP/DVP-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg.“

Das alles ist irgendwie richtig und ganz sicher haben die Skandale im Umfeld von Korruption und Doping dafür gesorgt, dass man das IOC nicht als Partner einer Stadt ansehen mochte. Dennoch greift das zu kurz. DOSB-Chef Hörmann sieht lediglich einen selbst gemachten Fehler: Angesichts der unklaren Finanzierungszusagen des Bundes, hätte das Referendum zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden sollen. Das ist schon etwas kurios, denn derartige Forderungen hatte es in Hamburg ja gegeben, die aber auf geschlossene Abwehr der Olympia-Freunde trafen.

Auffallend ist aber: Kaum einer der Kommentatoren oder Akteure auf der Olympia-Seite kann sich offenbar vorstellen (oder spricht darüber), dass die Absage an die Bewerbung von Hamburg gar nicht (nur) mit Planungsfehlern oder Fifa-Skandalen zu tun hat, sondern z.B. mit den sozialen Verhältnissen in der Stadt zu tun hat und vielleicht auch damit, dass ein Event wie Olympia vielleicht ja im Fernsehen ganz nett ist, aber man diesen besser nicht in der eigenen Stadt haben will. Und vielleicht hat das auch was mit Armut und Reichtum in der Stadt zu tun, mit der sozialen Spaltung der Stadt? Vielleicht haben viele die Planungen für die Olympia-Bewerbung eher als eine Planung für die besser Verdienenden angesehen, während für die Prekären und Normalos eher die Nachteile überwogen?

Hier und da wurde darüber spekuliert, ob die BürgerInnen mehrheitlich mit Nein reagierten, weil die Front der Eliten aus Wirtschaft, Politik und Medien einfach zu deutlich und stark war und das eher verdächtig wirkte. So nach dem Motto: Wenn die da oben alle einer Meinung sind und so viel Druck machen, dann kann es für uns hier unten nicht wirklich gut sein?!

Mieten in Hamburg steigen, Wohnraum ist schon ohne die nun unterzubringenden Flüchtlinge seit Jahren knapp. Immer mehr Menschen müssen zwei, drei, vier (Mini)Jobs machen, um ihren Unterhalt zu verdienen. Die „Kioskisierung“ der Innen-Stadt dürfte vielleicht auch ein Hinweis sein, dass vielen zwar die Lust am Feiern nicht vergangen ist, diese aber eben deutlich besser finanziert werden muss.

Hamburgs Bewerbung für die Olympischen Spiele kann vor so einem Hintergrund auch so verstanden werden, dass viele sich vor allem darüber Sorgen machten, dass die Stadt einfach überall immer teurer werden würde und damit die Frage im Raum stand: Wie lange kann ich mir dieses Hamburg dann noch leisten?

Es sind manchmal die kleinen, eher beiläufigen Meldungen, die sowas viel treffender fassen: So berichtete die Bild irgendwann im April/Mai (?) über einen „berühmten“ Promi-Club-Betreiber aus München, der auf der Durchreise nach Sylt bemerkte, dass er das ganze Olympia-Gehudel nicht verstehe – Hamburg würde mit Olympia vor allem teuer. Der Bild war das erstaunlicherweise eine größere Meldung wert. (Ich finden den Link leider nicht mehr, wer kann helfen?)

Es dürfte bei vielen in der Debatte um die Auswirkungen der Bewerbung auf die Mieten einiges Kopfschütteln ausgelöst haben, das dieses Thema entweder weitgehend ignoriert oder aber mit wenigen Worten abgebügelt wurde. Da musste man sich auch nicht lange absabbeln, denn das Kreuz beim Nein war ja eine gute Möglichkeit, dass still und konsequent zu quittieren.

Eine Analyse des Wahlverhaltens im Abendblatt liefert dafür einige Hinweise. Denn ausgerechnet die Viertel, die direkt von der Olympia-Bewerbung angebliche Vorteile hätte bekommen sollen, haben überdeutlich eben genau gegen diese geplanten Segnungen gestimmt. Das dürften also vor allem sehr berechtigte soziale Ängste gewesen sein.

Das Abendblatt fasst zusammen: „Beim zweiten Blick ist der Ausgang des Referendums eindeutiger: Fünf Bezirke sind gegen Olympia, nur zwei dafür. Die Ablehnung des Großprojektes ist in Mitte mit 56,4 Prozent und in Altona mit 55,3 Prozent am größten. Nur im bevölkerungsreichsten Bezirk Wandsbek und in Bergedorf hatten die Befürworter die Oberhand und kamen jeweils auf 51,9 Prozent. Einen ersten Hinweis darauf, dass die Gegner eher motiviert waren abzustimmen, bietet die Wahlbeteiligung.

Die höchsten Teilnahmequoten liefern drei Bezirke mit einer Mehrheit gegen Olympia: Eimsbüttel (54,5 Prozent), Nord (54,1) und Altona (51,8). Die Pro-Olympia-Bezirke Wandsbek (51,5 Prozent) und Bergedorf (46,4 Prozent) fallen dagegen bei der Wahlbeteiligung ab. Eine Sonderrolle spielt Mitte, wo nur 41,1 Prozent am Referendum teilnahmen. Allerdings ist die Wahlbeteiligung in Mitte traditionell sehr niedrig“

Wichtig ist auch: Offenbar waren die Abstimmungen in den Wahllokalen am Sonntag des Referendums knapper als die Abstimmungen per Briefwahl. Insgesamt wird auch deutlich, so das Abendblatt: Zu keinem Zeitpunkt dürfte es eine Mehrheit für Olympia gegeben haben!

Vor allem die von den Events und Gentrifikation am stärksten betroffenen Viertel waren demnach gegen Olympia: „Vor allem in den Szene-Stadtteilen war die Ablehnung besonders groß“, schreibt das Abendblatt: „Wie klar die Briefwähler festgelegt waren, zeigt ein Beispiel: In allen 60 Altonaer Briefabstimmungs-Auszählstellen lagen die Gegner vorn. In Wandsbek, insgesamt leicht Pro-Olympia, hatten die Gegner in rund einem Viertel der Briefwahllokale die Nase vorn.“

Und zu den Vierteln, die angeblich von der Bewerbung profitiert hätten: „Olympia-kritisch sind auch die Viertel eingestellt, die vom Sprung über die Elbe profitieren sollen, der mit der Bebauung des Kleinen Grasbrooks einen kräftigen Schub bekommen hätte. In der Fährstraße (Wilhelmsburg) zum Beispiel setzten sich die Olympia-Gegner mit 83,1 Prozent durch. Auch auf der Veddel und in Rothenburgsort hatten die Argumente für Olympia wenig Zugkraft. Selbst im etwas entfernteren Moorburg war das Votum mit 82 Prozent Nein-Stimmen eindeutig.“

Es gibt also gute Gründe dafür, dass es nicht nur an „äußeren“ Gründen wie FIFA-DFB-Skandal oder die ungelöste Finanzierung des Groß-Events gelegen hat. Das Thema Flüchtlinge wurde oft als Grund genannt, warum in Hamburg die Olympischen Spiele an Bedeutung verloren haben. Auch das wäre eher ein Hinweis, dass soziale Motive für die Entscheidung eine wichtige Rolle spielten. Vielleicht könnte man neben sozialen Sorgen auch spekulieren, dass (weitere/neue) Groß-Events an sich auf Ablehnung stoßen, weil die Menschen einfach langsam genug haben? Auch der Spiegel berichtet über derartiges.

Eine Ahnung, dass es um mehr als mangelhafte Finanzpläne oder FIFA-Skandale ging, deutete Bürgermeister Scholz wenige Tage nach dem Referendum auf einer Tourismus-Veranstaltung an. Während er dort mehr Tourismus, vor allem aus dem Ausland, forderte und sich für weitere Hotelbetten engagierte, sprach er auch davon, dass man aufpassen müsse, dass sich die HamburgerInnen in ihren eigenen Stadtteilen vor lauter Touristen nicht fremd fühlen. Ein Hinweis, der natürlich mit Blick auf die „Szene-Viertel“ viel für sich hat. Spätestens der Bürgerentscheid zur geplanten Musical-Seilbahn über den Hafen machte klar, dass die Eventitisierung in einigen Vierteln längst eine Grenze erreicht hat. (Siehe dazu NDR und Abendblatt)

Scholz hat offenbar diese Belastungen im Blick, wenn er auf der Messe-Veranstaltung darüber nachdenkt, die wachsenden und geforderten Touristenströme besser zu lenken. Damit das nicht falsch verstanden wird: Menschen in Not müssen in dieser Stadt jederzeit willkommen sein und anständig untergebracht werden. Hamburg ist und soll eine weltoffene Stadt sein. Das werden auch viele von denen, die sich gegen immer mehr Innenstadt-Events in ihren Vierteln wehren, sicher nicht bestreiten!

Insgesamt dürfte auch die Stadtentwicklung eine große Bedeutung für die Entscheidung haben. Dass Hamburg Wohnungen braucht und daher der Kleine Grasbrook als Baugebiet interessant ist, wäre keine Frage. Die Frage aber wäre, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen könnte ein solcher Sprung über die Elbe erfolgen? Und in welchen Zeiträumen? Die Hafen-City mag für den Tourismus eine schöne Sache sein. Ein Stadtteil, der in irgendeiner Weise als lebendiges Wohnquartier gilt, ist er noch lange nicht. Erlebt wird dieses Viertel als Vorzeigeprojekt für die besser Verdienenden, die sich einen Zweitwohnsitz mühelos leisten können. Die Fortentwicklung dieser „Idee“ als Olympic-City dürfte für viele als nicht wirklich erstrebenswert angesehen worden sein.

Und für die VeddelerInnen und WilhelmsburgerInnen war das offenbar auch eher eine Drohung, denn ihre vergleichsweise noch günstigen Wohn- und Lebensbedingungen wären mit dem heranrücken der Olympia-City massiv unter Druck geraten.

Insofern war das Nein zu Olympia deutlich mehr, als nur ein Nein zu einem Sport-Event für 15 Mrd. Euro. Es war vielleicht auch ein deutlicher Hinweis, wie die sozialen Verhältnisse in dieser Stadt von immer mehr Menschen erlebt und bewertet werden. Und insofern wären sie in der Tat Ausdruck einer wachsenden sozialen Spaltung der Stadt.

3 Gedanken zu „Alles richtig gemacht und gescheitert – Soziale Motive des Neins zu Olympia

  1. Kompliment! Zutreffende Analyse!

    Zu befürchten ist allerdings, dass die Eliten sich nicht ehrlich damit auseinandersetzen werden und wollen. Genauso wie der Bürgerschaftsbeschluss vom Mai 2014 ein reiner Papiertiger blieb. Darin forderten 4 von 6 Fraktionen, dass öffentlich transparent und mit einem Höchstmass an Beteiligung ehrlich über die Chancen UND Risiken diskutiert wird und entsprechende unabhängige Studien beauftragt werden. In dem Bürgerschafts- Beschluss wurden sogar die sozialen Folgen wie im Beitrag oben ausführlich dargestellt als Untersuchungsgegenstand genannt.

    Nichts davon ist umgesetzt worden. Stattdessen setzte ab Aug 2014 die rein emotionale Pro Olympia Kampagne das fort was die Handelskammer 8 Monate vorher dem Senat und der eigenen Klientel zugerufen hat.

    Diese fehlende öffentliche und ehrliche Chancen und Risikobewertung gemaess Bürgerschaftsbeschluss vom Mai 2014 ist der eigentlich entscheidende strategische Fehler dieser grandios gescheiterten Kampagne. Dafür ist weder Paris noch der DOSB noch die FIFA oder der Kaiser oder die fehlende Finanzzusage aus Berlin oder gar die Flüchtlinge verantwortlich. Diese Kampagnen Strategie wurde hier in HH entworfen und durchgeführt. Es würde mich nicht wundern wenn wir noch personelle Überraschungen in naher Zukunft erleben.

    Viel Wähler und Wählerinnen haben folgendes gedacht beim Referendum:

    „Die Eliten haben die Bodenhaftung und den Bezug zur sozialen Realität in unserer Stadt verloren. Die nächsten Wahlen werden das widerspiegeln!“

  2. Pingback: NOlympia-Presseschau für Dezember 2015 » Nolympia

  3. Ich denke, dass ein Aspekt nirgends angexsprochen wurde. Hamburg wurde von den Olympia – Jubelden mit einer Welle brutaltster und zugleich nichtssagender Werbung regelrecht überfallen. Gerade diese Form der brutalen Feuer und Flamme Werbung hat die Leute errschrecht und sie haben sich auf den Anfang der Werbe-Kampagne zurüchgezogen. „Olympia Sie entscheiden“ und das haben die Hamburger getan. Soweit irgendjemand beklagt, dass die Parteienübermacht zurückgedrängt wurde, beweist, dass er neben dem Grundgesetz steht. Immerhin heißt es dort: Die Politische Macht geht vom Volk aus“.
    Ersr wenn die Parteien begreifen, dass das Volk das Primat bei der Entscheidung politischer Fragen hat, können Volk und politische Institutionen gedeihlich zusammen arbeiten.

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